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BLICK ZURÜCK: Reformation in St.Gallen: Der Teufel am Pranger, Maria im Bordell

Die Reformation krempelte vor 500 Jahren auch das Leben in der alten Stadt St.Gallen um. Die 1517 bekannt gemachten 95 Thesen von Martin Luther lösten Diskussionen, Verunglimpfungen und Übergriffe aus. Das Rathaus unten in der Marktgasse war eine der Bühnen dafür.
Nicole Stadelmann
Das alte St.Galler Rathaus unten an der Marktgasse, wo heute das Vadian-Denkmal steht. Links hinten ist der Gefängnisturm zu erkennen. Rechts neben dem Rathaus führt das Ira-Tor ins Gebiet des heutigen Marktplatz/Bohl. Stich von Johann Baptist Isenring, 1831. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das alte St.Galler Rathaus unten an der Marktgasse, wo heute das Vadian-Denkmal steht. Links hinten ist der Gefängnisturm zu erkennen. Rechts neben dem Rathaus führt das Ira-Tor ins Gebiet des heutigen Marktplatz/Bohl. Stich von Johann Baptist Isenring, 1831. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

1517 veröffentlichte Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen, die den Anstoss zur Reformation gaben. In St.Gallen waren Behörden und Handelsherren mit Sicherheit über diese Ereignisse auf dem Laufenden. Dank Handelsbeziehungen und Bündnissen mit anderen Städten wusste man in St.Gallen sofort, wenn in Europa etwas geschah. Was aber wusste die breite Bevölkerung von der Reformation? Und wie ging sie mit Informationen und Gerüchten dazu um?

St.Gallen im Bann der «ketzerischen Reformation»

Hans Egli kam 1526 ins St. Galler Gefängnis, weil er die Ratsherren als Ketzer verunglimpft und der Stadt Bilderschändungen vorgeworfen hatte. Er verbreitete in einigen Orten und Städten der Eidgenossenschaft das Gerücht, dass in St.Gallen der Teufel an den Pranger gestellt und Maria ins Bordell getragen worden sei. Die Stadt stand zu dieser Zeit in der Eidgenossenschaft im Ruf, dem neuen Glauben zugeneigt zu sein. Ja, es sei in St.Gallen mit der ketzerischen Reformation sogar «ee mer dann minder», also «eher schlimmer denn besser» als in Zürich.

Tatsächlich war zuvor in St.Gallen ein Tischmacher namens Vincenz Wetter verhaftet worden, weil er in eine Kirche eingedrungen war, eine Statue des Teufels entwendet und an den Pranger gehängt hatte. Offenbar hatte Hans Egli also einen Teil seiner Geschichte nicht frei erfunden. Zur Geschichte des Marienbilds, das angeblich ins Bordell getragen worden war, lässt sich in den Archiven hingegen nichts finden.

Diebstähle und Beschimpfungen

Andere St.Galler Bürger wurden damals bestraft, weil sie unerlaubt Altartücher und Umhänge im Beinhaus gestohlen und verbrannt hatten. Wieder andere verkündeten, dass das Marien- und das Laurenzen-Fest teuflische Angelegenheiten seien. Sie schmähten Prediger oder meinten, dass sie keinen Gott haben wollten, den man essen müsse und der schliesslich «zu einem Dreck» werde. Solche Aktionen und verbale Verunglimpfungen können als Provokationen von Einzelpersonen oder Gruppen angesehen werden, die reformatorisches Gedankengut in die Bevölkerung tragen und zur Diskussion stellen wollten. Gerüchte, Informationen und Wissen wurden ausgetauscht, weitergereicht und an öffentlichen Orten auch kontrovers diskutiert.

Reformator Vadian, mit bürgerlichem Namen Joachim von Watt (1483 oder 1484 bis 1551), ist als Stadtarzt und später als Bürgermeister im alten Rathaus unten an der Marktgasse ein und aus gegangen.

Reformator Vadian, mit bürgerlichem Namen Joachim von Watt (1483 oder 1484 bis 1551), ist als Stadtarzt und später als Bürgermeister im alten Rathaus unten an der Marktgasse ein und aus gegangen.

Den Anhängern des neuen Glaubens standen insbesondere die Vertreter des Klosters gegenüber. Letztere kämpften für die Beibehaltung der herkömmlichen Glaubenspraxis und Lehre. Einer der stärksten Verfechter dieses alten Glaubens war in den 1520er-Jahren Wendelin Oswald, Prediger im Kloster St.Gallen. Er predigte gegen die reformierten Geistlichen und die zunehmende Ausbreitung des neuen Glaubens in der benachbarten Stadt. Dies tat er in der Kathedrale und im Frauenkloster St.Katharinen, wo er bis zu seiner Amtsenthebung durch die städtische Obrigkeit 1524 Beichtvater der Nonnen war.

Predigten von Wendelin Oswald führten wiederholt zu Tumult und Widerspruch in der immer stärker der Reformation zugeneigten St.Galler Bürgerschaft. 1524 sah sich der Rat wegen Protesten gegen Oswald sogar gezwungen, ihm das Betreten städtischen Bodens zu verbieten, weil man nicht mehr für seine Sicherheit garantieren konnte. Er durfte die Stadt nur noch für seinen Gang vom Kloster nach St.Katharinen und zurück betreten. Im Frühling scheint er erneut aus der Stadt verbannt worden zu sein, weil er an Ostern gegen die städtische Obrigkeit gepredigt hatte. Erst im Juli 1524, nach einer Intervention der eidgenössischen Orte, wurde ihm der Aufenthalt innerhalb der Stadtmauern wieder erlaubt.

Reformierte Geistliche rufen zur Ruhe auf

1526 verfassten die reformierten Geistlichen der Stadt St.Gallen eine Flugschrift gegen ihren unermüdlichen Widersacher. Dabei versuchten sie, Wendelin Oswald und allen Altgläubigen nicht nur die Grundsätze der evangelischen Lehre und Theologie zu erläutern, sondern teilten der Bürgerschaft gleichzeitig das angemessene, von der reformierten Elite gewünschte evangelische Verhalten mit: Unruhen, Tumulte und Auflehnung gegen die Obrigkeit im Namen der neuen Lehre wurden als unchristlich und eigennützig verurteilt. Man sollte sich geduldig abwartend verhalten, sich nicht gegen die Obrigkeit auflehnen und ihr gehorsam sein, auch wenn dies teilweise gegen die eigenen Glaubensüberzeugungen verstossen könnte. Die Reformation bedeute nicht, sich von seiner Herrschaft zu lösen.

Kritisiert wurden damit in der Flugschrift von 1526 beispielsweise Bauernunruhen, unautorisierte Bilderschändungen oder auch die Täuferbewegung. Die Schuld an Unruhen hatten gemäss der Auslegung der St.Galler Geistlichen nicht die zur Reformation neigenden weltlichen Obrigkeiten, sondern allein die Unruhestifter selber, die aus Eigennutz handelten. Die Flugschrift der städtischen Geistlichen sollte die Obrigkeit im Rathaus unterstützen. In schriftlicher Form wird hier vorweggenommen, was Bürgermeister Vadian im Juni 1529 seinen Bürgern in einem Auftritt «von der Ratsstuben herab» einbläute: Mässigung – auch bei der direkt danach folgenden Besetzung des Klosters.

Autorin Nicole Stadelmann ist Mitarbeiterin des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Von 1369 bis 1877 in der Marktgasse

Mittelpunkt  Von 1369 bis 1877 stand das Rathaus der Stadt St.Gallen unten in der Marktgasse, dort, wo sich heute das Vadian-Denkmal befindet. Es war der politische Mittelpunkt der alten Stadtrepublik St. Gallen. Von hier aus wurde einerseits regiert, hier wurde anderseits Recht gesprochen und verkündet. Vor dem Rathaus versammelte sich aber auch die Bevölkerung, respektive deren männlicher Teil, bei ungewöhnlichen Ereignissen. Und das galt auch für die Zeit der Reformation, deren 500-Jahr-Jubiläum derzeit gefeiert wird.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde das St.Galler Rathaus gemäss dem ehemaligen Stadtarchivar Ernst Ziegler im Jahr 1369. Es handelte sich um einen Vorläufer jenes Baus, den wir noch von frühen Fotografien der Stadt her kennen. Darin fand 1564 die erste Ratssitzung statt. 1659 wurde anstelle eines kleineren Hauses rechts am Rathaus der sogenannte Kanzleianbau erstellt. Rechts dahinter ist auf alten Abbildungen das Markt-, Irer- oder Ira-Tor zu erkennen. Es führte beim «Merkur» von der Marktgasse auf den heutigen Marktplatz/Bohl.

Das Ira-Tor wurde 1865, das Rathaus 1877 abgebrochen. Die so entstandene Freifläche rundete den Marktplatz ab. 1904 wurde am ehemaligen Rathaus-Standort das Vadian-Denkmal aufgestellt. (vre)

Eine frühe und schon oft publizierte Fotografie des alten Rathauses unten an der Marktgasse vor 1865. Rechts ans Rathaus angelehnt der Kanzleianbau, rechts daneben das Ira-Tor zum Marktplatz/Bohl. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Eine frühe und schon oft publizierte Fotografie des alten Rathauses unten an der Marktgasse vor 1865. Rechts ans Rathaus angelehnt der Kanzleianbau, rechts daneben das Ira-Tor zum Marktplatz/Bohl. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das alte Rathaus unten an der Marktgasse (A) auf dem Frank-Plan von 1596. Mit M gekennzeichnet ist das Ira-Tor, mit G die Metzg auf dem heutigen Marktplatz. (Bild: StadtASG OBG)

Das alte Rathaus unten an der Marktgasse (A) auf dem Frank-Plan von 1596. Mit M gekennzeichnet ist das Ira-Tor, mit G die Metzg auf dem heutigen Marktplatz. (Bild: StadtASG OBG)

Der Kleine Pergamentplan der Stadt um 1650 zeigt mit F markiert das alte Rathaus und davor im Mauerring das Ira-Tor. H bezeichnet die Metzg.

Der Kleine Pergamentplan der Stadt um 1650 zeigt mit F markiert das alte Rathaus und davor im Mauerring das Ira-Tor. H bezeichnet die Metzg.

Aus einer von 1790 bis 1795 entstandenen Bildserie des Lindauer Malers Johann Conrad Mayr stammt diese Ansicht der Marktgasse mit (links) der Brotlaufe auf dem heutigen Bärenplatz sowie dem alten Rathaus und dem Ira-Tor.

Aus einer von 1790 bis 1795 entstandenen Bildserie des Lindauer Malers Johann Conrad Mayr stammt diese Ansicht der Marktgasse mit (links) der Brotlaufe auf dem heutigen Bärenplatz sowie dem alten Rathaus und dem Ira-Tor.

Das Rathaus mit dem Gefängnisturm (links) und dem Ira-Tor (rechts) auf einer Darstellung von Johann Baptist Isenring von 1831.

Das Rathaus mit dem Gefängnisturm (links) und dem Ira-Tor (rechts) auf einer Darstellung von Johann Baptist Isenring von 1831.

Eine Nahaufnahme des Rathauses nach dem Abbruch des Ira-Tors um 1866. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Eine Nahaufnahme des Rathauses nach dem Abbruch des Ira-Tors um 1866. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das alte Rathaus kurz vor seinem Abbruch 1877. Man beachte die Pflästerung und das Pferdefuhrwerk. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das alte Rathaus kurz vor seinem Abbruch 1877. Man beachte die Pflästerung und das Pferdefuhrwerk. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das Rathaus mit den zwei Bögen des Eingangs 1835 von der Seite des Marktplatzes her gesehen. Links das Ira-Tor, rechts der Gefängnisturm. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das Rathaus mit den zwei Bögen des Eingangs 1835 von der Seite des Marktplatzes her gesehen. Links das Ira-Tor, rechts der Gefängnisturm. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das Rathaus mit den zwei Eingangsbögen, der Uhr und dem Treppengiebel mit dem Ira-Tor (links) und dem Gefängnisturm (rechts) vor 1865. Auf dem heutigen Marktplatz stand damals die Metzg. Zudem wurden hier Kutschen und Fuhrwerke parkiert. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das Rathaus mit den zwei Eingangsbögen, der Uhr und dem Treppengiebel mit dem Ira-Tor (links) und dem Gefängnisturm (rechts) vor 1865. Auf dem heutigen Marktplatz stand damals die Metzg. Zudem wurden hier Kutschen und Fuhrwerke parkiert. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das Ira-Tor, der alte Durchgang durch die Stadtmauer zwischen der Marktgasse und dem heutigen Marktplatz, auf einer Zeichnung von Johann Jacob Rietmann von 1834. Das Tor wurde 1865 abgebrochen. Am rechten Bildrand steht die Metzg. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Das Ira-Tor, der alte Durchgang durch die Stadtmauer zwischen der Marktgasse und dem heutigen Marktplatz, auf einer Zeichnung von Johann Jacob Rietmann von 1834. Das Tor wurde 1865 abgebrochen. Am rechten Bildrand steht die Metzg. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG)

Der Blick von der Marktgasse zum Marktplatz auf einer 1906 gelaufenen Ansichtskarte. Das Vadian-Denkmal wurde ziemlich genau dort errichtet, wo sich einst die Südfassade des Rathauses befunden hatte. Zwischen Denkmal und Marktplatz fehlt noch das Gebäude der Bank CA (heute Bank Acrevis). (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Der Blick von der Marktgasse zum Marktplatz auf einer 1906 gelaufenen Ansichtskarte. Das Vadian-Denkmal wurde ziemlich genau dort errichtet, wo sich einst die Südfassade des Rathauses befunden hatte. Zwischen Denkmal und Marktplatz fehlt noch das Gebäude der Bank CA (heute Bank Acrevis). (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Der gegenüber heute ziemlich bescheiden wirkende St.Galler Wochenmarkt Ende Juni 2005 am ehemaligen Standort des alten Rathauses. (Bild: Tagblatt-Archiv)

Der gegenüber heute ziemlich bescheiden wirkende St.Galler Wochenmarkt Ende Juni 2005 am ehemaligen Standort des alten Rathauses. (Bild: Tagblatt-Archiv)

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