Blick fürs Ganze ist entscheidend

Die Ersatzwahl in den Stadtrat vom 30. November ist eine Personenwahl. Bei zwei fähigen Kandidaten mit ähnlichem Profil müssen weiche Faktoren und der Blick fürs Ganze den Ausschlag geben. Von Daniel Wirth

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Der Freisinnige Fredy Brunner tritt Ende März 2015 nach zehn Jahren aus der Regierung der Stadt St. Gallen zurück. Fredy Brunner ist ein politisches Schwergewicht; die Fussstapfen des Direktors der Technischen Betriebe in der politischen Landschaft sind gross. Fredy Brunner ist ein Politiker mit Format, ein Macher und Stadtvater, der auch von politischen Gegnern geschätzt wird. Das Gleiche gilt für den freisinnigen Stadtpräsidenten Thomas Scheitlin. Weil Scheitlin und Brunner gute, solide Arbeit leisten, spielt es absolut keine Rolle, dass die FDP, gemessen an ihrem Wähleranteil, gegenwärtig übervertreten ist im Stadtrat.

Die Aufgabe der FDP-Stadtpartei, für die Nachfolge Fredy Brunners eine Kandidatin oder einen Kandidaten von dessen Format zu nominieren, war sehr schwierig, ja schier unmöglich. Im Juli stellten die Freisinnigen Barbara Frei auf. Ihre Nominierung war eine Zitterpartie; sie konnte gerade einmal zwei Stimmen mehr auf sich vereinen als Marco Huwiler, der zwar bei den St. Galler Stadtwerken in leitender Position und an der Seite von Stadtrat Fredy Brunner arbeitet, aber in Mörschwil wohnt und noch nie ein politisches Amt bekleidet hat.

Jans und Frei im Gleichschritt

Dass die SP der Stadt St. Gallen am gleichen Abend im Juli Peter Jans nominierte, ist sinnbildlich für den gesamten Wahlkampf. Seit dem Sommer bewegen sich die Ärztin und der Kreisgerichtspräsident sozusagen im Gleichschritt. Sie nahmen an zahlreichen Podien teil, waren bemüht, sich Profil zu geben, sich vom Gegenüber abzuheben – allerdings war das Ganze eine sehr taktische Angelegenheit. Sowohl Frei als auch Jans wussten, dass sie den dritten Kandidaten, den partei- und chancenlosen This Bürge, nicht fürchten müssen, mit pointierten Aussagen an Podien aber einen Teil der Wählerinnen und Wähler vor den Kopf stossen könnten. Nämlich diejenigen, die sich in der Mitte des politischen Spektrums bewegen, also die CVP. Die Christlichdemokraten der Stadt St. Gallen organisierten selber ein Podiumsgespräch mit Frei und Jans – mit dem Resultat, schliesslich keine Wahlempfehlung abgeben zu können.

Gleiches Alter, gleicher «Rucksack»

Klar: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Mit Blick auf die Gesamterneuerungswahlen in zwei Jahren wollte es die CVP weder mit der FDP noch mit der SP verscherzen. Doch nicht nur deshalb konnte sich die CVP – und später auch die BDP – nicht für Frei oder Jans aussprechen. Der Grund: Die Freisinnige und der Sozialdemokrat unterscheiden sich gar nicht so sehr; sie gleichen sich viel eher. Barbara Frei ist 56 Jahre alt, Peter Jans ist gerade zwei Jahre jünger. Jans hat politische Erfahrung als ehemaliger Stadtparlamentarier und ehemaliger Kantonsrat, Frei sitzt seit neun Jahren im Stadtparlament und war zuvor Mitglied der Schulkommission der Stadt St. Gallen. Als Ärztin hat Barbara Frei Führungserfahrung, Führungserfahrung bringt Peter Jans als Präsident des Kreisgerichts ebenfalls mit. Mit Ausnahme der politischen Ausrichtung und des Geschlechts unterscheiden sich die bürgerliche Kandidatin und der moderate linke Kandidat kaum.

Sie bewegen sich auf Augenhöhe

Und auch bei der politischen Ausrichtung sind die Differenzen zwischen Peter Jans und Barbara Frei an einem kleinen Ort. Zugegeben: Bei der Verkehrspolitik sind am ehesten Unterschiede auszumachen: Während Jans ein Verfechter des Langsamverkehrs ist und Zweifel hegt am Ausbau des Strassennetzes in der Stadt, unterstützt Frei die Pläne für eine Teilspange von der Autobahn A1 hinauf zur Liebegg vollumfänglich. Gut: Unterschiede gibt es auch bei städtebaulichen Projekten. Während Jans die Vorlage für eine Neugestaltung von Marktplatz, Blumenmarkt und Bohl zur Annahme empfiehlt, gehört Frei dem Komitee an, das Unterschriften gegen die Vorlage sammelte und sie dem Volk vorlegen und abgelehnt haben will. Das war es dann aber auch schon ziemlich mit den Unterschieden bei den politischen Standpunkten der beiden. Dass die Universität (HSG) in die Stadt hinunter expandieren will und der Kanton dafür beim Platztor zu einem Vorzugspreis 6680 Quadratmeter Land kaufen kann von der Stadt, finden Jans und Frei gut. Den Steuerfuss von gegenwärtig 144 Prozentpunkten wollen weder Frei noch Jans hinaufsetzen, wenn es irgendwie anders geht, wie sie an Podien sagten.

Sowohl Barbara Frei als auch Peter Jans bringen die Voraussetzungen mit, die es für die Nachfolge von Fredy Brunner braucht. Barbara Frei und Peter Jans sind als Kandidierende auf Augenhöhe, beide sind wählbar. Doch wie heisst es so schön? Wer die Wahl hat, hat die Qual. Entscheidend sind in einem solchen Fall weiche Faktoren: Das Geschlecht, das Auftreten, die Sympathie, die Konsensfähigkeit – und der Blick fürs Ganze. Bei diesem Punkt den Ausschlag geben könnte die Antwort auf die Frage: Wer ist derzeit nicht vertreten in der Regierung der grössten Stadt der Ostschweiz?

Grösste Gruppierung ausgeschlossen

Das ist die SP. Die stärkste politische Kraft in der Stadt St. Gallen. Die SP holte bei den letzten Parlamentswahlen am meisten Stimmen. Das allein ist noch kein Argument, den Sozialdemokraten Peter Jans der Freisinnigen Barbara Frei vorzuziehen. Denn ginge es bei Majorzwahlen alleine nach dem Wähleranteil der Parteien, müsste die SVP schweizweit und auch in St. Gallen deutlich mehr Exekutivämter halten. Doch die SVP hatte früher Schwierigkeiten, für Exekutivämter valable Personen aufzustellen. Dieses Problem haben FDP und SP nicht. Wer prononciert bürgerlich wählt, der entscheidet sich für Barbara Frei. Doch es gibt am 30. November auch für Bürgerliche Gründe, Peter Jans zu wählen. Mit seiner Wahl wären die SP und das linke Lager nach zwei Jahren Absenz wieder in die Stadtregierung eingebunden. Womöglich löste das Blockaden, schüfe Vertrauen, brächte Schwung.

daniel.wirth@tagblatt.ch