Bitterböses Mädchen von nebenan

Mit ihrem Soloprogramm «Der Fleischhauerball» trifft die deutsche Musik-Kabarettistin Sarah Hakenberg bei ihrem ersten Gastspiel bei Kultur i de Aula den Geschmack des Publikums. Charmant und bitterböse zieht sie in ihren Bann.

Ursina Ghilardi
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Grund zum Jubeln: Sarah Hakenberg begeistert das Publikum in der Aula mit Charme und Boshaftigkeit. (Bild: Anastasia Kontoulis)

Grund zum Jubeln: Sarah Hakenberg begeistert das Publikum in der Aula mit Charme und Boshaftigkeit. (Bild: Anastasia Kontoulis)

GOLDACH. «Kennt ihr Anagramme?», fragt Sarah Hakenberg das Publikum in der Aula Goldach mit kindlicher Neugierde. Legt den Kopf schief. Zieht verlegen die Schulter hoch. Lächelt charmant. Die deutsche Musik-Kabarettistin versteht es, das Publikum sogleich von ihrer mädchenhaften Naivität zu überzeugen. Und bis zum letzten Ton ihres Musik-Kabaretts hält sie das Publikum um den Finger gewickelt. Das ist raffiniert, denn Sarah Hakenberg ist nicht nur jung und charmant. Sie ist auch bitterböse.

Süsse Melodien, böse Texte

Diese Mischung aus charmanter Unschuld und treffsicherer Boshaftigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das zweite Soloprogramm der deutschen Musik-Kabarettistin mit dem Titel «Der Fleischhauerball». Wie der Name schon andeutet, geht es darin – um die Liebe. In all ihren Facetten und Nuancen. Und die sind bei Sarah Hakenberg selten rosarot, sondern meist rabenschwarz. Nicht weiter verwunderlich, dass das romantischste Lied auch das makaberste ist. Doch ob Hakenberg Babys klaut oder Priester in Särge einsperrt, böse kann man ihr nicht sein. Dazu ist sie viel zu nett. Dass die junge Kabarettistin stets als das nette Mädchen von nebenan gesehen wird, verdankt sie einer enormen Bühnenpräsenz und schauspielerischem Talent. Auch auf musikalischer Ebene zieht sie das Prinzip der naiven Boshaftigkeit durch. Mal mit lüpfig-leichten, mal mit romantisch-süssen Klängen begleitet sie sich am Klavier – und setzt die Melodie damit in starken Kontrast zum Inhalt ihrer Texte. Dazu passt das Spiel auf der «singenden Säge»: Obwohl mit diesem Werkzeug im Lied geköpft wird, vermag ihm Sarah Hakenberg mit einem Geigenbogen schaurig-schöne Töne zu entlocken.

Gefundene Absurditäten

So lieb sie aussieht, so süss ihre Lieder klingen, so böse sind ihre Texte. Darin trifft sie aber stets den Ton und driftet weder ins Seichte noch ins Verletzende ab. Ihre Texte bleiben makaber und grotesk. Herrlich grotesk. Das Beste daran: Sarah Hakenberg erfindet die Absurdität unserer Welt nicht. Sie findet sie. In Schlagershows und Liedtexten. In Erziehungsratgebern aus dem 19. Jahrhundert. Mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit und wissenschaftlicher Exaktheit führt sie dem Publikum ihre Entdeckungen und Interpretationen vor. Hier kommt ihr Gespür für sprachliche Feinheiten besonders zur Geltung. Und ihre Freude am Vortragen, am Spiel mit dem Publikum. Sarah Hakenberg wirkt frisch und unverbraucht – und überzeugt trotzdem mit ihrer Professionalität.

«Witzig, frech und intelligent»

Auch das Publikum findet nur lobende Worte. «Mir gefällt ihr Humor, ihre Lockerheit, ihrer Scharfzüngigkeit und der Schalk auf ihrem Gesicht», sagt eine Besucherin. «Witzig, frech und intelligent» lautet ein weiteres Votum. «Sie ist boshaft, aber so wie sie's rüberbringt, muss man sie gern haben», bringt es Guido Schwalt, Teammitglied von «Kultur i de Aula» auf den Punkt. Er finde es ausserdem schön, zur Abwechslung eine Frau auf der Kabarett-Bühne zu sehen. Und auch mit dem Besucheransturm ist er hoch zufrieden: Beide Vorstellungen waren schon im Vorfeld restlos ausverkauft.