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«Bis in jeder Familie einer schwul ist»

Der 60jährige St. Galler Regierungsrat Martin Klöti präsidiert neu den Verband Aids-Hilfe Schweiz – als erster Ostschweizer Politiker. Er führte schon in jungen Jahren ein privilegiertes Leben als Homosexueller. Sein heutiges Engagement ist auch eine Dankbarkeit dafür.
Marcel Elsener/ regula Weik
Martin Klöti in seinem Büro in St.Galler Regierungsgebäude - mit dem Red-Ribbon-Anstecker der Aids-Hilfe-Schweiz. (Bild: Keystone)

Martin Klöti in seinem Büro in St.Galler Regierungsgebäude - mit dem Red-Ribbon-Anstecker der Aids-Hilfe-Schweiz. (Bild: Keystone)

Herr Klöti, Sie sind seit wenigen Tagen Verbandspräsident der Aids-Hilfe Schweiz. Weshalb ist Ihnen dieses Engagement wichtig?

Martin Klöti: Die Aids-Hilfe war für mich schon immer eine wichtige Marke – aus meiner Geschichte heraus, als in den 80er-Jahren plötzlich dieser Schock kam. Seit jeher sind Leute aus meinem Umfeld stark in dieser Sache engagiert, so der Infektiologe Pietro Vernazza, ein Freund seit Pfadizeiten. Der zweite Grund war die Anfrage von Doris Fiala, da machte es bei mir klick: Jetzt bin ich in einer Position, wo ich das Thema Schwulsein auch politisch aufnehmen darf. Und jetzt bin ich im goldrichtigen Aufgabenbereich dafür tätig, als «Gesellschaftsminister». In meinem Amt ist das Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung angesiedelt, da geht es teilweise um die gleichen Fragen wie bei der Aids-Hilfe.

Und dann war doch gewiss auch ein schönes Stück Stolz dabei…

Klöti: Wenn Sie wollen, ja, aber nicht nur persönlich. Es tut gut, wenn ein Ostschweizer Regierungsrat national sichtbar wird – und erst noch in einem Thema, wo man es nicht erwarten würde. St. Galler sind immer fleissig unterwegs, aber nur bei sich, mit Ausnahmen vielleicht in der hoch spezialisierten Medizin oder in Direktorenkonferenzen.

Sie haben als Motivation auch die Möglichkeit genannt, der Community – also der homosexuellen Gemeinschaft – etwas zurückgeben zu können.

Klöti: Ja, aber nur bedingt. HIV betrifft nicht nur schwule Männer. Die Aids-Hilfe ist für Betroffene aller Geschlechter und sexueller Orientierungen zuständig. Ich glaube auch, dass ich der richtige Mann bin. Know-how, Erfahrung, Interesse – wenn alles da ist, dann funktioniert es. Wenn einem die Rolle nicht überstülpt wird, dann wirkt man glaubwürdig. Ich musste das Präsidium der Aids-Hilfe nicht an mich reissen, um mir oder andern etwas zu beweisen. Das ist die Gnade des Alters…

Und die Mitglieder des Regierungskollegiums, sind die genau so begeistert? Gab es keine Einwände, keine Bedenken?

Klöti: Im Gegenteil. Ich «beübe» die St. Galler Regierung schon länger. Im Ernst: In St. Gallen ist zum ersten Mal ein Mitglied in der Regierung, das eine schwule Beziehung lebt, zum ersten Mal ein Mann, der an offizielle Treffen Arm in Arm mit seinem Partner erscheint. Ich hatte drei Hürden zu nehmen: einen schwulen Partner, der zudem Araber und deutlich jünger ist. Heute ist das selbstverständlich, und die Regierungskollegen schätzen meinen Partner.

Jetzt beschönigen Sie.

Klöti: Nein, es ist tatsächlich so. Die Regierung hat gemerkt, dass es ihrer Reputation nicht schadet, es ist eher das Gegenteil der Fall. Wenn sich jemand in einem solch empfindlichen Thema auskennt, ist das eine Auszeichnung. Und eine Bereicherung.

Sie selber hatten einen glücklichen Einstieg in die Homosexualität.

Klöti: Bereits mit zwanzig war ich mit dem Charakterschauspieler Hans Gerd Kübel liiert – und mit ihm 1974 ganz selbstverständlich an jeder Premierenfeier des Schauspielhauses Zürich.

Klingt sehr privilegiert. Keine negativen Erlebnisse, kein Widerstand?

Klöti: So einfach darf man es nicht verstehen. Klar, meine Mutter war als Schauspielerin im Kammersprechchor mit Homosexuellen zusammen. Für meinen Vater war das total fremd. Als meine Eltern sich dann einmal bei meinem – ebenfalls schwulen – Musiklehrer nach mir erkundigten, sagte dieser: Wenn es Martin gut geht, dann stimmt es doch. Damit war das Thema abgehakt. Und als ich mit Kübel mit 21 einen Bauernhof im Toggenburg kaufte, war die Lebensgemeinschaft besiegelt.

Dort gab es ebenfalls nie Probleme?

Klöti: Nie. An meiner ersten Lehrerstelle im Neckertal sagte mir der Schulratspräsident, meine Homosexualität sei für das Gremium kein Problem, aber es dürfe auch für Kinder und Eltern keines werden. Das war zwar etwas befremdend, aber auch super, denn so war ich aufgenommen. Das war 1976 und die Erfahrung, in Ruhe gelassen zu werden, prägend für meine Biographie.

Warum, glauben Sie, hatten Sie nie Probleme mit dem Schwulsein?

Klöti: Vielleicht darum, weil ich es so unaufgeregt und unspektakulär bin. Schwieriger wird es für Partner mit anderem kulturellen Hintergrund, so für Muslime.

Was können Sie denn effektiv unternehmen für schwule Migranten aus muslimischen Ländern?

Klöti: Wir können unsere Grundwerte klären. Ich bin deshalb froh über die Vorstösse zum Thema Kopftuch. Nach den drängenden Antworten aufgrund des politischen Drucks können wir sie nun zusätzlich mit einem Bericht beantworten. Dabei geht es um die grossen Fragen: Wie halten wir es mit den Grundwerten? Wir müssen uns in der Regierung klar sein über Werte – dass wir keine Ausgrenzung machen, dass wir zeigen, wie wir in unserer Gesellschaft mit Minderheiten umgehen. Und was wir unter Religionsfreiheit verstehen.

Schön, aber ein Regierungsbericht erreicht doch keinen Arbeiter aus dem Balkan oder Maghreb.

Klöti: Kaum, ja. Das dauert noch Generationen. Diese Leute müssen die Aufklärung nachholen, das ist schwierig. Es gibt aber auch Leute, die mit ihrer Mutter darüber reden können, nicht aber mit dem Vater oder mit den Kollegen am Arbeitsplatz oder im Sportclub. Es braucht Zeit, bis es so weit kommt wie in der Schweiz, wo jeder jemanden in seiner Familie oder Verwandtschaft hat, der schwul ist. Und jeder weiss: Der gehört zu uns.

Bei allen Errungenschaften stehen die Zeichen derzeit aber ebenso auf Rückschritt: Stichwort CVP-Initiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe – und damit der im Gesetz festgeschriebenen Ehe zwischen Mann und Frau.

Klöti: Das wird schwierig, das zeigte auch ein Podium von Unigay in St. Gallen. Da müssen wir den Finger draufhalten. Zum Glück gibt es jetzt einen schönen Gegenvorschlag, sonst hätten wir ein ernstes Problem.

Schwule sollen sich sicher fühlen, sagen Sie. Doch die Homophobie nimmt wieder zu. Es kommt sogar zu homophober Gewalt, gerade auch im Einwanderermilieu.

Klöti: Für jüngere Migranten ist das ein grosses Thema. Weil Schwulsein in ihren Kulturen nicht sein darf, lehnen sie sich dagegen auf. So werden schwule Männer selber gewalttätig, um zu zeigen, dass sie auf keinen Fall schwul sind. Oder Schwule heiraten, und niemand weiss, was hinter den Türen passiert und wo sie sich sonst noch tummeln… Ein schwieriges Thema.

Und drängendes Thema der Aids-Hilfe? Was wollen Sie angehen?

Klöti: Die Themen der Aids-Hilfe werden oft vom Bundesamt für Gesundheit gesetzt. Dort werden die Statistiken analysiert, Entwicklungen abgelesen, Gelder für entsprechende Präventionen ausgegeben. Ein Schwerpunkt ist sicher das schwule Milieu unter Migranten, weil wir darüber so wenig wissen – im Grunde kennen wir nur die Statistik, wonach acht bis zehn Prozent der Männer schwul sind, egal, welcher kultureller Herkunft.

Früher wurden HIV-Infizierte optisch wahrgenommen. Ist die Prävention heute schwieriger, weil sich die Medizin derart verbessert hat und es sogar neue Mittel wie die Pille davor und danach gibt…

Klöti: Klar, das macht die Aufgabe der Aids-Hilfe schwieriger. Aber: Es gibt weiterhin Infektionen, auch Syphilis ist übrigens wieder da. HIV-Positive sind eine ernst zu nehmende Gruppe, die wir unterstützen müssen und nicht ausgrenzen dürfen.

Findet die Diskriminierung heute versteckter, unausgesprochen statt? Etwa wenn in der Berufswelt der Aufstieg plötzlich ein Ende hat. Oder wenn Krankenkassenleistungen nicht selbstverständlich sind.

Klöti: Daran arbeiten die Leute in den regionalen Vertretungen. Es geht bei der Aids-Hilfe um sexuelle Gesundheit, aber auch um Beistand im Arbeitsprozess für Infizierte, für deren Umfeld, für Partner, die an der Krankheit zerbrochen sind. Dass jemand wie ich als öffentlich respektierter Lehrer und Stadtpräsident sein schwules Leben ohne Hindernis entfalten kann, mag andere anspornen. Jedoch gibt es mancherorts, beispielsweise in der Bankenwelt, noch eine gläserne Decke, wo man einen nicht weiterlässt. Weil er nicht dem traditionellen Rollenbild entspricht.

Wir müssen vom Honorar reden: Ihre Vorgängerin Doris Fiala verdiente erst 50 000, später 30 000 Franken. Nach heftigen Protesten verzichtete sie ganz auf ein Honorar. Wie steht es bei Ihnen?

Klöti: Ich weiss nicht einmal, wie viel ich erhalten werde. Für ein solches Mandat gibt es vielleicht 15 000 bis 20 000 Franken im Jahr. Bei Doris Fiala war das Honorar auch deshalb ein Thema, weil sie die Aids-Hilfe umstrukturieren musste. Wenn eine Firma saniert werden muss, und dann solche Honorare publik werden, ist das wie die Faust aufs Auge.

Und der Zeitaufwand? Bei Fiala hiess es 20 bis 30 Prozent.

Klöti: So viel ist es bei mir nicht. Heute ist die Aids-Hilfe saniert und neu aufgestellt; ich muss nicht mehr herumweibeln. Die Sitzungen am Sitz in Bern und in Zürich kann ich wie die Besuche bei regionalen Aids-Hilfen teils mit anderen Sitzungen als Regierungsrat kombinieren.

Zum Schluss, so kurz vor Weihnachten: Welches Buch, welchen Film mit schwulem Inhalt verschenken Sie Ihren Bekannten?

Klöti: Zweifellos «Hochzeitsflug» von Yusuf Yesilöz, mit dem ich bei Network St. Gallen am 15. Januar über Homosexualität, Kulturen und Religionen diskutiere. Beim Film muss ich auch nicht lange überlegen: «The Wedding Banquet» von Ang Lee.

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