Bis dass der Chessel platzt

«Dampf im Kessel» in der Lokremise entwickelt sich zusehends zur angesagtesten St. Galler Fasnachtsshow. Dieses Jahr mit einem entfesselten Louis de Saint-Gall, einer Gugge-Entdeckung samt Berner Fauteuils und zwei Pfarrern in Hochform.

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Der Chor der vereinigten Föbüs und Föbinen huldigt der hiesigen Platznot unter dem Titel «St. Gallen platzt». (Bild: Christian Bauer)

Der Chor der vereinigten Föbüs und Föbinen huldigt der hiesigen Platznot unter dem Titel «St. Gallen platzt». (Bild: Christian Bauer)

40 Jahre an der St. Galler Fasnacht. Noch dazu als Basler. Louis de Saint-Gall alias Louis Christ beweist Ausdauer und wird immer noch besser. Am Freitag schoss der Schnitzelbänkler vom Rheinknie in der Lokremise den Vogel ab: Aus Anlass seines Bühnenjubiläums bedachte er jeden Ehrenföbü, ob tot oder noch einigermassen lebendig, mit einem träfen Verslein. Passend untermalt mit Klängen von Bob Dylans «Knockin' on Heaven's Door», so dass Föbü-Kanzler Peter XXX. Stössel die Laudatio auf den Basler Ausnahmereimer fast im Halse stecken blieb. Zumal Louis auch gegenüber Föbüs keine Gnade walten lässt, sie mit Blick auf ihre Jahrgänge auch schon mal in die Memory Clinic schickt. Oder gar zur Palliative Care.

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So viel schwarzer Humor muss erst einmal verdaut werden. Doch die Ehrenfödlebürger schlagen zurück. Ihr bevorzugtes Opfer: die gewesene Baudirektorin Elisabeth Beéry, deren Platznöte im Mehrakter «St. Gallen platzt» gnadenlos ausgeschlachtet werden. Etwa so: «Beéry, Beéry, balabala/ Z'Sangalla git's kei Markthalla.»

Auch die missratene Bahnhofunterführung West eignet sich zur Melodie vom «Vogel-Lisi» vorzüglich zur poetischen Nachbearbeitung: «Frögsch du noch em Lift, chunsch a di falsch Adressä/ s'Bauamt heg da leider ganz vergessä/für d'Beéry sind d'Sanggaller alles Deppe/die sölled ihri Köffer gfälligscht sälber schleppe.»

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Als Conférencier durch den äusserst kurzweiligen Fasnachtsabend geleitet «Platzhirsch» Michael XXXV. Hüppi. Souverän, witzig und kaum je auf dem falschen Versfuss führt er durchs fast vierstündige Programm. Als sportlicher Waidmann mit Geweih am Hut und knackigen Waden in den Socken jagt er Pointe um Pointe. Hätt's der Mann in die Kantonsregierung geschafft, wären seine Entertainerqualitäten in dieser Lockerheit womöglich nie aufgeblitzt. Fast schon wünschte man sich ihn statt seines ewig fröhlichen Bruders ins sonntägliche TV-«Sportpanorama».

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Überhaupt präsentieren sich die Föbüs – Louis de Saint-Galls Provokationen zeigen Wirkung – in beneidenswerter Form. Allen voran die beiden Pfarrer Alfons XXIII. Sonderegger sowie Christoph XXV. Siegrist. Ihr pastoral-soziologischer Crashkurs bietet viel Wissenswertes über den Kirch- und den Toilettengang sowie die verblüffenden Bezüge zwischen dem einen und dem anderen. Zum Beispiel: «Wer beim WC steht als Brunzer/der steht bitte auch beim Vaterunser.»

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Vom Inhalt zur Verpackung: Die Lokremise, wo der Kessel nun zum drittenmal dampfte, behagt als Fasnachtslokal. Der Kulturtempel im Westend lässt den Ekkehardsaal von anno dazumal, als noch Mohrenbälle stattfanden, fast in Vergessenheit geraten. Das volle Haus kommt nicht von ungefähr: Der Raum ist hoch und geräumig genug, um auch Grossguggen wie die Unteregger Möttelisounders oder die Engelburger Chapf-Chläpfler aufzunehmen, ohne dass das Publikum gleich einen Tinnitus erleidet.

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Guggen müssen übrigens nicht zwingend laut sein. Das beweisen T-Squad, eine zusammengewürfelte Truppe aus ziemlich guten Instrumentalisten, die genau drei Tage im Jahr zusammen musizieren: während der Fasnacht. Ihr Repertoire umfasst nebst mitreissendem Orient- und Balkan-Gebläse auch Überraschendes wie Chaka Khans «Ain't nobody» oder Kate Bushs «Babooshka», gesungen mit Megaphon. Titel, die man von Guggen eigentlich gar nicht hören will. Doch T-Squad sind anders. Und offenbar auch spontan. Auf der Gasse haben sie ein Trio der «Schiesshüsler» aufgegabelt, drei Berner Gielen, die als Fauteuils verkleidet einen Abstecher an die St. Galler Fasnacht unternommen haben. Eigentlich seien sie ja zu fünft, sagt einer. Die Ständerlampe und den Fernseher hätten sie aber zu Hause gelassen.

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Zum Schluss noch einmal Louis de Saint-Gall, er hat's nach 40 Jahren im Exil redlich verdient: «Dr FC Sankt Galle – i ha's letschte Spiil nit gnosse/verpasst de Cup – jää sin do Gälder gflosse/Waisch Louis – sait de Jeff – jetzt muesch loose/Mir dien de Rase schone – fir die <Tote Hose>.» Andreas Nagel