Bimbam am Bernegghang

Zum Bettag am Sonntag feiert die Evangelische Kirchgemeinde St. Gallen C in St. Georgen ihre Kirchenglocken. Sie sind ein eigentliches Kuriosum, denn sie stehen mitten auf einer Kuhweide.

Elisabeth Reisp
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In dieser mit Schindeln bedeckten Baute läuten die evangelischen Kirchenglocken von St. Georgen seit 50 Jahren. (Bild: Peter Käser)

In dieser mit Schindeln bedeckten Baute läuten die evangelischen Kirchenglocken von St. Georgen seit 50 Jahren. (Bild: Peter Käser)

Am Bernegghang mitten auf einer grünen Wiese steht eine mit Schindeln bedeckte zeltförmige Baute. Im Inneren schwingen die Glocken von Evangelisch-St. Georgen. Sie sind ein Kuriosum, denn eine Kirche dazu gibt es nicht und das Kirchgemeindehaus steht gut 100 Meter Luftlinie weiter unten an der Demutstrasse. Immer wieder rätseln Spaziergänger, was es mit dem Schindelhaus mitten auf der Kuhweide auf sich hat. Dahinter verbirgt sich eine Geschichte von Aufbruchstimmung und Zusammenhalt, zündenden Ideen und Rücksichtnahme – der ehemalige Pfarrer Hans Rudolf Schibli erinnert sich.

Ein trauriges Geläut

Um die Geschichte zu erzählen, muss Schibli weit ausholen, bis in die 1940er-Jahre, als St. Georgen noch zum Kirchenkreis Linsebühl gehörte. «Im Linsebühl war auch die Kirche und das Pfarrhaus.» Erst nach dem Krieg erhielten die St. Geörgler mehr «Bewegungsfreiheit» und einen eigenen Pfarrer. An der Demutstrasse wurde das Kirchgemeindehaus erbaut, 1947 wurde es eingeweiht. Auf dessen Dach rief ein einziges kleines Glöcklein die Kirchgänger zum Gottesdienst. Sein Makel: das Glöcklein bimmelte im selben Ton wie jenes beim Eingang zum Friedhof Feldli. Den frommen St. Geörgler schlug dies bei jedem Kirchenbesuch arg aufs Gemüt. «Es erinnerte sie wohl daran, das alles endlich ist», sagt Schibli. Also suchte er eine Lösung. Schibli wandte sich an den Arboner Pfarrer Rohner, der damals als der evangelische Glockenspezialist der Schweiz galt. «Eine Sache war schnell klar», erzählt Schibli, «ein Glockenturm am Kirchgemeindehaus kam nicht in Frage.» Dies wäre den Nachbarn nicht zuzumuten gewesen. «Rohner hatte bald die Idee, die Glocken auf dem Bernegghang zu plazieren.» Auch habe Rohner genaue Vorstellungen gehabt, wie das Glockenhaus nicht aussehen sollte: Kein Turm, kein Metall. Der zeltförmige Aufbau stellte sich im nachhinein als «Glanzleistung» heraus. «Die Glocken schallen durch das ganze Tal und dank des Holzhauses in einem verfeinerten Klang.»

Ein Ton für das ganze Tal

Die neuen Glocken hatte man auf den Ton des katholischen Geläuts abgestimmt. «Gemeinsam erfüllen sie mit ihrem Geläut den ganzen Talkessel, etwa wenn sie jeweils am Samstag um 16 Uhr den Sonntag einläuten.» Und es habe die Kirchgemeinde in St. Georgen zusammengeschweisst, so das Verdikt von Schibli. «Solange St. Georgen das Anhängsel vom Linsebühl war, sei das Zusammengehörigkeitsgefühl nicht so stark gewesen.

Eine unvergessene Geschichte

Der 88jährige Schibli amtete von 1961 bis 1992 als Pfarrer in St. Georgen. Seit vielen Jahren ist er nun pensioniert. Die Geschichte der Glocken von St. Georgen ist ihm so präsent, als wären sie erst gestern am Bernegghang aufgehängt worden. Und nicht bereits vor fünfzig Jahren.