Bildung wertvoller als Gold

Das KV-Zentrum hat am Mittwoch 97 Diplomanden das Berufsmaturazeugnis überreicht. Die jungen Berufsleute hatten sich Vollzeit oder berufsbegleitend auf die Prüfungen vorbereitet.

Evelyn Haydon
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Das Zeugnis im Blick: Eine Diplomandin nimmt ihr Zeugnis entgegen. (Bild: Evelyn Haydon)

Das Zeugnis im Blick: Eine Diplomandin nimmt ihr Zeugnis entgegen. (Bild: Evelyn Haydon)

Alles, was er berühre, solle sofort zu Gold werden – das habe sich der antike König Midas vom Satyrn Selen gewünscht, und dieser gewährte ihm den Wunsch. Der König aber sei eher für seine Gier bekannt gewesen als für seine Bildung. Und so merkte er zu spät, dass sich auch Nahrung bei Berührung sofort in pures Gold verwandelte. Sie wurde damit zwar wertvoll, aber auch ungeniessbar. Mit diesem Mythos begrüsste Rektor Urs Bucheli gestern die Maturandinnen und Maturanden des Kaufmännischen Berufs- und Weiterbildungszentrums (KBZ) St. Gallen. Was Midas fehlte, hätten sich die Diplomanden mit ihrer Ausbildung erworben. Diese befähige sie zum selbständigen Denken: «Sie laufen nicht einfach gierigen Wünschen oder Trendsettern nach, sondern wählen bewusst aus, beurteilen selbst.» Bucheli ermunterte die jungen Frauen und Männer zur kontinuierlichen Bildung, auch ausserhalb der Schule, und forderte die Berufsleute auf, der Welt in ihrer Vielfalt weiterhin mit Offenheit zu begegnen. Ihr Abschluss sei ein Bekenntnis zur Bildung. Zunächst aber sollten sie den verdienten Erfolg geniessen. Im Gespräch mit dem Tagblatt zeigte sich der Rektor anschliessend beeindruckt von der Leistung seiner Schüler, sich in kurzer Zeit und oft neben der Arbeit eine breite Wissensbasis anzueignen.

Nach den Sternen greifen

«Warum wollen Sie noch einmal zur Schule gehen?» Diese Frage stelle sie den neuen Schülern jeweils zu Beginn des Ausbildungsgangs, sagte Raffaella Strähl. Dieses Jahr habe sie die Frage umgedreht: «Warum gebe eigentlich ich selber Schule?» Ihre Motivation liege im täglichen Umgang mit den Schülern. «So tolle junge Menschen, Tag für Tag, wo sonst gibt es so etwas?» Die lebhafte Schilderung des Alltags als Berufsschullehrerin macht ihre Freude an diesem Beruf deutlich spürbar. Einen für sie persönlich passenden Weg wünsche sie auch den Maturanden, sagt Strähl: eine Arbeit, die ihnen erlaube, jeden Abend erfüllt nach Hause zu gehen. «Greifen Sie nach den Sternen – wenn's am Ende nur der Mond ist, ist das weit genug.»

Von Bienen, Stress und Frauen

Vor der Diplomübergabe wurden die besten Abschlussarbeiten gewürdigt. Die Verfasserinnen der ausgezeichneten Projekte erhielten einen Einkaufsgutschein. Beat Schweizer, Lehrgangsleiter Berufsmaturität 2, wies darauf hin, dass die prämierten Arbeiten ausschliesslich von Frauen verfasst worden seien. Diese stellten aber auch die Mehrheit: Mit 63% waren sie überrepräsentiert. Das Spektrum der ausgewählten Themen war äusserst breit. Die ausgezeichneten Projekte befassten sich mit sozialen Inhalten wie der «Generation Z» oder mit Frauen als Vorgesetzten. Aber auch kontroverse Themen wie die Sterbehilfe oder die Spaltung des Islams wurden aufgegriffen. Einige Schüler interessierten sich für Naturwissenschaftliches: eine der ausgezeichneten Arbeiten beschäftigte sich mit dem Bienensterben.

Schüler als Lehrer

In diesem Jahr haben 92 Prozent der Kandidaten, 97 der 105, die angetreten waren, die Prüfungen bestanden. Im Durchschnitt erreichten sie eine Note von 4.5, während der beste Abschluss mit einer 5.2 benotet wurde. In seinem Schlusswort würdigte Schweizer die Rolle der Schüler, die ihrerseits auch Lehrer seien. Ihre oft kniffligen Fragen hielten die Unterrichtenden auf Trab und lehrten sie, wie junge Leute denken würden, was sie beschäftige und wo sie der Schuh drücke. Musikalisch untermalt wurde die Feier von der Band Gion Stump and the Lighthouse Project.