Bildung dank Kulturimport

Sie hungerten nach Kultur, die alten Gallusmönche. Darum importierten sie im 9. Jahrhundert die Schriften Alkuins. Bei ihm lernten sie originelles Denken und britischen Humor.

Josef Osterwalder
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Alkuin (Mitte) empfiehlt seinen Schüler Rhabanus Maurs (links) dem Erzbischof von Mainz (um 831/840). (Bild: pd)

Alkuin (Mitte) empfiehlt seinen Schüler Rhabanus Maurs (links) dem Erzbischof von Mainz (um 831/840). (Bild: pd)

sst. gallen. Eine Gedenktafel hat er in St. Gallen nicht bekommen, dabei hätte er sogar ein Denkmal verdient. Alkuin (735–804) hat die Kultur St. Gallens nachhaltig geprägt. Und dies nicht nur mit seinen Schriften, sondern durch seine Haltung. Den alten Gallusmönchen imponierte, wie originell Alkuin dachte, wie furchtlos er mit dem damaligen Herrscher, Karl dem Grossen, verkehrte, wie rührend seine Gedichte waren und wie unwiderstehlich sein britischer Humor.

Bei Alkuin orientierte sich auch ein Notker der Stammler, in dessen Zeit sich die Gallusmönche zahlreiche Schriften des begnadeten britischen Gelehrten besorgt hatten.

In Yorkshire geformt

Alkuin kam um 735 in Yorkshire zur Welt, besuchte die berühmte Domschule von York, die er bald schon selber leitete. Universal gebildet, sprachwissenschaftlich wie theologisch versiert, wurde er 781 von Karl dem Grossen als Leiter der Hofschule von Aachen berufen, unterrichtete die Elite des

Reiches, beriet den Kaiser selbst und hat wesentlich die «geistige Grundlegung Europas» beeinflusst.

Karl der Grosse hatte in jener Zeit weite Teile Europas mit dem Schwert zusammengebracht, eine europäische Zwangsgemeinschaft geschaffen. Er war aber auch klug genug zu wissen, dass Gewalt auf die Dauer keine Einheit garantiert. Darum setzte er auf die Kultur, sie sollte seinem Werk Bestand geben. Die kulturelle Entwicklung Europas wurde quasi zur Chefsache erklärt.

Der Kaiser holte sich die geistige Elite an den Hof. Unter ihnen auch den genialen Gelehrten aus York.

St. Galler Bildungshunger

Kultur, kontinentale Weite und kommunikative Vernetzung, das war Musik in den Ohren der St. Galler Mönche, die bei diesem Austausch aktiv mitmachen wollten. Geographisch befand man sich am Rande des von Karl dem Grossen vereinten Europas. Geistig aber empfand man sich nicht als Provinz. Daher wurden hier das Geschehen in Aachen und das Wirken Alkuins besonders aufmerksam verfolgt.

Und darum beschaffte man sich seine zahlreichen Bücher und gliederte sie der Stiftsbibliothek ein.

Als sich vor sechs Jahren das Todesjahr des Briten zum 1200sten Mal jährte, widmete ihm die Stiftsbibliothek nicht nur ihre Jahresausstellung, sondern lud auch zu einem dreitägigen internationalen Alkuin-Kongress ein. Die damals gehaltenen Referate zeigten, wie facettenreich das Werk des Briten ist; wie wichtig es aber auch wäre, die Forschung weiterzuführen, namentlich um eine Gesamtschau seiner Person und seines Wirkens zu gewinnen.

Dazu sind die Referate nun in einem Sammelband erschienen, der am Dienstagabend vorgestellt wurde: «Alkuin von York und die geistige Grundlegung Europas».

Stiftsbibliothekar Ernst Tremp stellte in seiner Einführung das Erscheinen des Buches in den Zusammenhang mit der in St. Gallen gepflegten Buchtradition, die sich durch das Internet nicht einfach ersetzen lässt.

Denn seit je hat hier das Buch einen Doppelsinn, wird nicht nur als Kulturträger, sondern auch als Kunstwerk begriffen. Entsprechend sorgfältig wurde es denn auch gestaltet (TGG Hafen Senn Stieger), als fünfter Band in der Reihe «Monasterium Sancti Galli», die bereits einen bedeutenden Buchpreis erzielt hat.

Stilvoll darum auch die Buchpremiere, mit Orgel- und Vokalwerken aus frühbarocker Musiktradition, gestaltet durch Domkapellmeister Hans Eberhard.

Aktiv-Europäer

Der neue Band ist ein Denkmal für eine Zeit, in der St. Gallen die geistige Grundlegung Europas nicht bloss von aussen betrachten wollte, sondern aktiv an deren Gestaltung mitwirkte.

Ernst Tremp und Karl Schmuki, «Alkuin von York und die geistige Grundlegung Europas», Verlag am Klosterhof

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