«Bier-Franz» nimmt's ruhiger

Franz Scherrer war noch nicht einmal 15 Jahre alt, als er das erste Mal für die Brauerei Stadtbühl jobbte. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, ist «Bier-Franz», wie ihn viele nennen, pensioniert. Und er hat endlich Zeit zum Pokern.

Corinne Allenspach
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Franz Scherrer im Lager der Brauerei Stadtbühl. Hier hat er vor 50 Jahren erstmals Bier abgefüllt. (Bild: Olivia Hug)

Franz Scherrer im Lager der Brauerei Stadtbühl. Hier hat er vor 50 Jahren erstmals Bier abgefüllt. (Bild: Olivia Hug)

GOSSAU. Wer hätte gedacht, dass man an diesem winterlich kalten Oktobermorgen noch ins Schwitzen kommt. Im Sudhaus der Brauerei Stadtbühl ist es fast tropisch und dank der blauen Kacheln an der Wand wähnt man sich eher in einem Hamam als in einer Brauerei. Überall dampft, sprudelt und zischt es. Franz Scherrer öffnet die alte Sudpfanne von 1933 und erkennt sofort: Es ist alles bestens, 6000 Liter «Stadtbühler» schäumen vor sich hin. «Inwendig wurde die Sudpfanne 1977 mit einem Chromstahlmantel versehen. Sonst ist alles noch original.» Franz Scherrer muss es wissen. Schliesslich war er ganze 50 Jahre lang der Mann für alles in der Brauerei. Oder «dä Bier-Franz», wie ihn viele Wirte und andere Gossauer nannten.

Kurt Krucker war wie ein Vater

Es war Juli 1963 und Franz Scherrer knapp 15 Jahre alt, als er das erste Mal bei Stadtbühl anpackte: Beim Flaschenabfüllen, für 2.40 Franken pro Stunde. Zu diesem Ferienjob war der Bauernsohn aus Waldkirch gekommen, weil seine beiden Brüder bereits in der Brauerei arbeiteten. «Und dann bin ich gleich geblieben.» Franz Scherrer schmunzelt. Es ist ein zufriedenes Schmunzeln nach 50 arbeitsreichen Jahren. Drei Generationen Geschäftsleitung hat der 65-Jährige miterlebt. «Kurt Krucker war wie ein Vater für mich.»

Nach einer Anlehre wurde Franz Scherrer immer mehr zum Allrounder. Es gab keinen Arbeitsschritt, den er nicht kannte, und kein Problem, das er nicht anpackte. «Es ist sehr gewöhnungsbedürftig, dass Franz nicht mehr im Betrieb ist», sagt Adrian Krucker, der die Brauerei zusammen mit seinem Bruder Christian in sechster Generation führt. «Keiner kennt die Firma so gut wie Franz, und er ist immer gesprungen, wenn Not am Mann war.» Und das geschah häufig. Wann immer eine Maschine nicht funktionierte, war sein Wissen gefragt. Er schraubte und flickte, zerlegte und montierte und kannte jedes «Trickli». «Uh, die Etikettiermaschine, das ist eine heikle Sache», sagt Scherrer bei einem Rundgang durch die Brauerei. Aber auch die Flaschenwaschmaschine und die Containeranlage haben ihn oft Nerven gekostet – und manch freies Wochenende. Trotzdem hat es ihm immer dann am besten gefallen, «wenn ich etwas auseinandernehmen konnte».

Kohlen buckeln, Fässer reinigen

Flaschen abfüllen, Bier filtrieren, Bier ausliefern, Maschinen flicken, Lastwagenmotoren wechseln, Kunden besuchen oder den Chef vertreten in den Ferien. Langweilig ist es Franz Scherrer all die Jahre nie geworden. «Wir hatten ja immer etwas zu tun.» Zu Beginn hat er auch Kohlen gebuckelt, mit denen gefeuert wurde, und er ist in die Eichenfässer gekrochen, in denen einst das Bier gelagert wurde, um sie zu putzen. «Mir war nichts zu viel», sagt er. Das wussten auch die Wirte aus nah und fern, die ihn jeweils gleich direkt anriefen, wenn wieder mal der Zapfhahn spuckte. Franz Scherrer, der gern unter Leuten ist, blieb dann jeweils gerne noch auf einen Schwatz.

Schiessen, kegeln und pokern

Jahrelang war er auch aktiv im Schützenverein, hat zehn Jahre die Jungschützen geleitet, war im Kegelclub und ist heute noch Mitglied im Minigolfclub Freihof Gossau. Zudem hat er kürzlich eine neue Leidenschaft entdeckt: das Pokern. «Aber nicht um Geld», betont er und holt sein iPhone aus dem Hosensack, um den Termin fürs nächste Turnier zu checken. Eigentlich hätte er gerne noch weiterhin Wirtschaften betreut für die Brauerei. «Aber leider bin ich gesundheitlich angeschlagen.» Zeit zum Arbeiten hätte er sowieso nicht mehr so viel. Denn mindestens drei Abende die Woche ist er beim Pokern. Und dazu trinkt er gerne auch ein Bier. Am liebsten Stadtbühler hell.

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