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BEVÖLKERUNGSSCHWUND: Stadt St.Gallen verliert Bewohner: Stadtrat nicht besorgt, Phänomen soll jetzt aber untersucht werden

Die Einwohnerzahl der Stadt St.Gallen ist 2017 zum dritten Mal in Folge leicht zurückgegangen. Baudirektorin Maria Pappa sagt im Interview, warum dieser Trend den Stadtrat nicht beunruhigt. Zudem will die Stadt jetzt eine eigentliche Wohnraumstrategie aufgleisen.
Daniel Wirth
Stadträtin Maria Pappa beim Eingang zu ihrem Büro im Amtshaus vor dem grossen Relief der Stadt St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Stadträtin Maria Pappa beim Eingang zu ihrem Büro im Amtshaus vor dem grossen Relief der Stadt St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Daniel Wirth

daniel.wirth@tagblatt.ch

Maria Pappa, die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner in der Kantonshauptstadt ist vergangenes Jahr um 177 zurückgegangen. Wie laut lässt diese Abwanderung die Alarmglocken im Stadtrat läuten?

Dieser marginale Rückgang um 0,2 Prozent beunruhigt den Stadtrat nicht stark. Er macht aber nachdenklich. Wir überlegen uns, was die Gründe dafür sind. Denn es ist klar: St. Gallen möchte sich als Stadt entwickeln und wachsen. Wir wissen zwar, dass Leute aus St. Gallen wegziehen, wir wissen aber zu wenig genau, was das für Leute sind und weshalb sie gehen. Das wollen wir analysieren.

Das klingt jetzt etwas gleichgültig.

Bei einem derart marginalen Rückgang besteht wirklich kein Grund zur Beunruhigung. Wir hätten diese Zahl auch verbessern können. Denn wir wissen, dass viele Studierende der Universität St. Gallen sich nicht in der Stadt anmelden. Würden wir die Meldepflicht forcieren und alle zum Einschreiben aufs Einwohneramt laden – wir hätten 2017 statt eines Bevölkerungsschwunds einen Anstieg der Einwohnerzahl gehabt.

Demnach unternimmt der Stadtrat nichts gegen die Abwanderung?

Doch. Unabhängig von den aktuellsten Einwohnerzahlen haben wir uns in der Direktion Planung und Bau gefragt: Welche Strategie haben wir bei den Liegenschaften und beim Wohnen? Wir haben festgestellt: Es fehlt eine langfristige Wohnraumstrategie und haben deren Erarbeitung deshalb letztes Jahr auch in den Legislaturzielen festgehalten. Die Stadt hat bisher zu wenig detaillierte Kenntnis über Wohnungsangebot und Wohnungsnachfrage. Um als Playerin im Wohnungsmarkt mitzuspielen, brauchen wir fundierte Grundlagen und Zielformulierungen, die mit der Wohnraumstrategie erarbeitet werden. Der Zeitpunkt dazu ist jetzt genau der richtige.

Wie meinen Sie das mit dem richtigen Zeitpunkt? Der Rückgang der Einwohnerzahl ist nicht ganz neu.

Wir haben im Moment in der Stadt St. Gallen etliche grosse Entwicklungsprojekte am Laufen. Ich nenne das Areal Bahnhof Nord, das Gebiet beim Bahnhof St. Fiden oder das Areal bei der Ruckhalde. Deswegen ist eine Wohnraumstrategie aktueller denn je. In diesem Zusammenhang befassen sich auch Architekten und Raumplaner mit dem Thema. Heute ist die Stadt St. Gallen beim innovativen Wohnungsbau ein weisser Fleck auf der Landkarte. Auch sogenannte Mehrgenerationenprojekte gibt es keine in der Stadt, und bei den Cluster-Wohnungen hinkt St. Gallen vergleichbaren Städten ebenfalls hinterher. Wir haben Thesen aufgestellt, die wir jetzt analysieren müssen. Wenn sie erhärtet sind, können wir darauf reagieren und massvoll handeln.

Gibt es auch eine These, welche Wohnungen in St. Gallen fehlen und von welchen es genügend freie hat?

Wir können statistisch erfahren, wie viele Studios, kleine Wohnungen und Familienwohnungen wir in der Stadt haben. Aber schwieriger wird es, Aussagen über den Ausbaustandard dieser Wohnungen zu erhalten. Wir haben die Vermutung, dass St. Gallen einen relativ hohen Bestand an älteren Liegenschaften aufweist, die nicht den aktuellsten Wohnstandards entsprechen. Aber wie gesagt: Das sind Vermutungen. Um an aktuelle Daten zu kommen, müssen wir möglicherweise Befragungen durchführen.

Wie viel Zeit braucht das?

Wir wollen die Daten bis zum Herbst 2018 zusammentragen und danach, im Jahr 2019, auswerten und in einem Konzept verschiedene Handlungsfelder definieren. Hiefür wollen wir auch mit externen Fachleuten zusammenarbeiten.

Wer ist in der Stadtverwaltung für die Wohnraumstrategie zuständig?

Den Lead hat die Stadtplanung. Sie wird mit anderen Dienststellen zusammenarbeiten. Neben der Wohnraumstrategie erarbeiten wir gleichzeitig eine Liegenschaftenstrategie. In diesem Zusammenhang nehmen wir in der Direktion Planung und Bau eine kleine Reorganisation vor. Der Teil der Dienststelle für Liegenschaften, der sich um die Bewirtschaftung der Häuser kümmert, die im Besitz der Stadt sind, wird neu dem Hochbauamt angegliedert. Alles, was mit Baurechten, dem Kauf oder dem Tausch von Boden und Liegenschaften zu tun hat, wird als kleinere Dienststelle bestehen bleiben. Diese hat dann vielmehr auch strategische Aufgaben im Bereich der aktiven Bodenpolitik und arbeitet eng mit der Stadtplanung zusammen. Ich meine, diese Organisation sinnvoll.

Dank der Wohnraumstrategie wird die Stadt St. Gallen wieder wachsen?

Das werden wir sehen. Ich bin aber zuversichtlich, weil die Stadt viel zu bieten hat. Auch jetzt schon sind viele Planungen für eine grössere Zahl von attraktiven neuen Wohnungen in der Pipeline, nicht nur auf grünen Wiesen, sondern vor allem auch Ersatzneubauten. Dies zielt auf ein Wachstum hin. Gleichzeitig ist die Bevölkerungszahl nicht alles. Wichtig scheint mir, dass wir auf das Steuersubstrat achtgeben. Wir erreichen in den nächsten Jahren eine Spitze beim Investitionsvolumen. Die Stadt braucht deswegen ein qualitatives Wachstum.

Was man weiss, ist, dass junge Familien und gute Steuerzahler sich von der Stadt abwenden und in der Agglomeration ein Häuschen bauen.

Diese Form der Abwanderung gibt es, das schleckt keine Geiss weg. Der Traum vom Einfamilienhaus im Grünen ist da. Es gibt dem Vernehmen nach aber auch Mieter, die von St. Gallen weg- und in eine Mietwohnung auf dem Land ziehen, weil sie dort für einen tieferen Mietzins eine Wohnung mit höherem Komfort mieten können. Das sollte nicht sein.

Was will der Stadtrat dagegen tun?

Wir reagieren darauf mit der Förderung von innovativem Wohnungsbau, mit attraktiven Stadtwohnungen, die es den Mietern oder Besitzern zum Beispiel erlauben, auf der Terrasse Gemüse oder Blumen anzupflanzen. Oder mit Cluster-Wohnungen, die es in anderen Städten längstens gibt, wo die einzelnen Mieter Rückzugsmöglichkeiten haben, sich aber Gemeinschaftsräume teilen. Kurz: die Stadt St. Gallen muss generell mehr auf ihre Qualitäten setzen, dies auch bei ihrer Wohnraumstrategie – das ist meine ganz persönliche Meinung.

Zur Wohnqualität gehört für Reiche und Grossverdiener ein angenehmes Steuerklima. Ein Steuerfuss von 144 Prozent ist im Vergleich mit den Nachbargemeinden eher frostig.

Wir können beim Steuerfuss nicht mit den Nachbargemeinden mithalten. In einer Stadt leben aber viele Menschen, die sind sich dessen sehr wohl bewusst und die nehmen einen etwas höheren Steuerfuss in Kauf, solange sie dafür Lebensqualitäten erhalten, die es auf dem Land so nicht gibt.

Was wiegt es denn auf, in der Stadt mehr Steuern zahlen zu müssen?

Zum Beispiel das viel reichere kulturelle Angebot als auf dem Land. Die flächendeckend ausgebaute ausserfamiliäre Betreuung von Kindern, die es beiden Elternteilen erlaubt, einer Arbeit nachzugehen. Der gut ausgebaute öffentliche Verkehr das vielfältige Angebot im Gesundheitswesen, die grosse Zahl an nahen Arbeitsplätzen wie auch St. Gallens Lage im Grünen Ring; in zehn Minuten ist man vom Stadtzentrum in der Natur. Was vielleicht momentan noch fehlt, ist innovativer Wohnraum von hoher Qualität zu vernünftigen Mietzinsen. Da haben wir Nachholbedarf. Hier soll uns die aufgegleiste Wohnraumstrategie Handlungsfelder aufzeigen. Für den Stadtrat ist die sinkende Einwohnerzahl ein Anlass, um zu reagieren. Aber unaufgeregt.

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