Bestechende Stickerei

Das Textilmuseum widmet sich in seiner neuen Ausstellung dem Wirtschafts- und Kulturerbe der Ostschweiz, der Stickerei. Von den Anfängen mit Leinen bis heute zur Haute Couture.

Elisabeth Reisp
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Stickereien, handgefertigt und maschinell erstellt, zeugen vom Know-how der Ostschweizer Textilindustrie. (Bild: Ralph Ribi)

Stickereien, handgefertigt und maschinell erstellt, zeugen vom Know-how der Ostschweizer Textilindustrie. (Bild: Ralph Ribi)

Elisabeth Reisp

elisabeth.reisp

@tagblatt.ch

Das klopfende Geräusch der Maschinen ist nur schwer zu beschreiben, wer es aber einmal gehört hat, erkennt es sofort. Der Lärm der Stick- und Webmaschinen in den Ostschweizer Textilfabriken war ohrenbetäubend. Im Textilmuseum kommt das Klackern als akustische Untermalung stark gedämpft daher. Es ist die Begleitmusik zur neuen Ausstellung «Fabrikanten und Manipulanten» im Textilmuseum. Die Schau ist ein Teil der aktuellen, acht Ostschweizer Museen umfassenden Reihe «Iigfädlet».

Die Kooperation zwischen Appenzeller und St. Galler Museen ist bisher einmalig. «Und ein grosses Verdienst des Ausserrhoder Kulturamtes», sagt Michaela Reichel, Direktorin des Textilmuseums in St. Gallen. Die Schau in ihrem Museum bietet einen Überblick über die Textilgeschichte der Stadt und wird etwa drei bis vier Jahre zu sehen sein.

Der schlechte Ruf der Ausserrhoderinnen

Die Ausstellung im ersten Stock ist eine einladende Mischung aus bunter Eleganz, verblasstem Luxus und greifbarer Geschichte. Unterhaltsam und leicht verständlich zeichnet sie die Ostschweizer Industriegeschichte nach. Vom Titel der Ausstellung soll man sich aber nicht irreführen lassen, sagt Reichel. «Manipulanten ist keinesfalls abschätzig zu verstehen, sondern ist die Bezeichnung jener Unternehmer, die Rohstoffe für die Weiterbearbeitung an Hausarbeiter gaben.» Im Gegensatz dazu haben die Fabrikanten eine eigene Fa­brik mit Angestellten. «In Wirklichkeit schlossen sich diese beiden Funktionen nicht aus. Viele Fabrikanten waren auch Manipulanten.»

Für die Textilindustrie und die Geschichte der Ostschweiz waren die Manipulanten min­destens genauso wichtig. Viele ­Frauen beispielsweise aus dem Kanton Ausserrhoden stickten von zu Hause aus und waren für den Gelderwerb der Familie verantwortlich. Für Hof und Haushalt blieb wenig Zeit. «Deswegen hatten die Ausserrhoderinnen lange den Ruf, schlechte Hausfrauen zu sein», sagt Reichel.

Später, als die Stickerei von der Industrialisierung eingeholt wurde, hatten diese Frauen gar eine Maschine im Erdgeschoss ihres Hauses. Das Sticken an der Maschine war dann aber wieder Männersache.

Nostalgische Schwarz-Weiss-Fotografien lassen die Besucher erahnen, unter welchen Bedingungen die Stickerinnen vor 200 Jahren an Stoffen gearbeitet haben, die sie sich selbst nie leisten konnten.

Der Stoff für Amal Clooneys Kleid

Die Ausstellung führt umfassenden durch die Textilgeschichte: Sie beginnt um 1550, als Leinen als weisses Gold galt. Ab circa 1720 hielt die günstigere Baumwolle Einzug in die Ostschweiz. Weil England Baumwolle zu einem viel tieferen Preis handelte, als es St. Galler Unternehmen je hätten tun können, spezialisierten sich die Ostschweizer Unternehmer in der Veredelung, also in der Stickerei. Um 1850 ermöglichten schliesslich die ersten Maschinen die Produktion grösserer Mengen, was zur Demokratisierung der Gesellschaft führte: Stickerei wurde erschwinglich.

Jeder Produktionsgruppe kommt gemäss Michaela Reichel eine genau definierte Rolle zu – und ein Bereich in der Ausstellung. Die Unternehmer stellten die Produktionsmittel bereit, entschieden über die Strategie, vermarkteten und verkauften. Die Entwerfer schafften neue Designs – gemäss Reichel wurden in der Blütezeit eine Million neue Muster pro Jahr entwickelt. Ingenieure und Handwerker entwickelten ständig neue Verfahren und Maschinen, um noch aufwendigere Stickereien zu er­möglichen. Und schliesslich widmet sich die Ausstellung auch den zahllosen Arbeiterinnen und Arbeitern.

Die Exponate aus dem Archiv des Textilmuseums sind einmal mehr atemberaubende Stoffe, mit Stickereien, so filigran wie Kupferstiche, und Farben, so intensiv und schillernd wie exotische Vögel. Auch liess es sich Kuratorin Reichel nicht nehmen, das Hochzeitskleid von Paola Felix zu zeigen oder die Stoffe, aus denen Kleider für Amal Clooney kreiert wurden.

Einziger Wermutstropfen: Auch diese Ausstellung findet in schummrigem Halbdunkel statt. Reichel: «Wir haben keine Wahl, wir müssen die wertvollen Exponate vor Licht schützen. Verbleichungen sind irreparabel.»