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Besser als viele Männer

44 Frauen haben am Sonntag im Boccia-Club St. Gallen im Espenmoos um den Titel einer Schweizer Meisterin gekämpft. Gewonnen hat schliesslich eine Tessinerin. Was für Eingeweihte offenbar keine wirkliche Überraschung war.
Corinne Riedener
Schweizer Meisterschaft der Frauen im Boccia: Die St. Gallerin Maria Steiger (links) beobachtet den Wurf ihrer Konkurrentin Claudia Ruspini. (Bild: Michel Canonica)

Schweizer Meisterschaft der Frauen im Boccia: Die St. Gallerin Maria Steiger (links) beobachtet den Wurf ihrer Konkurrentin Claudia Ruspini. (Bild: Michel Canonica)

Ein kurzer Blick nach vorne reicht, dann plaziert Anna Giamboni ihre Kugel nur wenige Zentimeter neben dem Pallino, der kleinen Zielkugel, auf der Sandbahn in der Bocciahalle im Espenmoos. Der Match ist entschieden. Die 48- Jährige aus Lugano ist die neue Schweizer Meisterin im Frauen-Boccia. «Sie spielt besser als viele Männer», verrät einer der Zuschauer und murmelt, dass auch er schon oft gegen sie verloren habe. Giambonis Konzentration sei bewundernswert.

Das Publikum applaudiert, während die Finalistinnen sich die Hände schütteln und ihre Kugeln zusammensuchen. Auch Renata Stehli, die Gegnerin von Giamboni, strahlt. «Ich war dreimal Schweizer Meisterin. Mit dem zweiten Platz kann ich sehr gut leben», sagt sie vor der Ehrung der Siegerinnen. Die 75-Jährige spielt bereits seit 45 Jahren und ist an diesem Sonntag für den Zürcher Club Bocciofila angetreten.

Vom Curling zum Boccia

Insgesamt kämpften 44 Spielerinnen aus der ganzen Schweiz um den Titel. Maria Steiger aus St. Gallen ist bereits am Vormittag ausgeschieden. «Weil ich mit dem Kopf nicht bei der Sache war», sagt sie selbstkritisch. Die 70-Jährige hat vor acht Jahren mit Boccia begonnen, nachdem sie wegen einer Rückenoperation das Curling aufgeben musste. Wieso es im Boccia einen Einzeltitel für Frauen, aber keinen für Männer gibt, kann sie nicht sagen. «Das war schon immer so und ist wohl ein Zufall.» Gemischte Wettkämpfe spiele sie auch, das Einzel liege ihr aber besser. «Dann bin ich für die Fehler selber verantwortlich.»

Früher führte die ehemalige Modeberaterin mit ihrem Mann lange Jahre das Schwimmbad in Arbon. Heute geniesst sie ihren Ruhestand, jasst, kocht ab und zu für Freunde, kümmert sich um ihre fünf Enkel und spielt – leidenschaftlich – Boccia. Am Dienstag und Donnerstag ist Training, am Wochenende fährt Maria Steiger zu den Wettkämpfen. Der Wechsel von Curling zu Boccia sei nicht schwergefallen. «Ich bin schliesslich in einer Boccia-Familie aufgewachsen.»

Wegen der Liebe geblieben

Wie die meisten im Bocciaclub St. Gallen kommt auch Maria Steiger aus Italien. Sie ist in der Nähe von Rimini aufgewachsen und war knapp volljährig, als sie nach einem längeren Frankreich-Aufenthalt in die Schweiz kam. «Eigentlich wollte ich Sprachen lernen, aber dann bin ich der Liebe wegen in der Schweiz geblieben.»

In der Bocciahalle wird überall an diesem Sonntag Italienisch gesprochen – während der Matches, im Restaurant und auch hinter den Kulissen. Die Ansprachen der Prämierung werden in Deutsch und Italienisch gehalten. Als die Siegerinnen geschmückt mit Medaillen und Blumensträussen auf dem Podesten stehen, wird die Schweizer Nationalhymne gespielt. Maria Steiger lacht: «Eigentlich müssten wir ja wirklich beide Hymnen spielen.»

Bocciaplausch auch für Firmen

Der Boccia-Verein St. Gallen wurde 1960 gegründet, sagt Vorstandsmitglied René Boscardin. Er zeigt ein Foto von 1972 vom Bau der Bocciahalle. Die Gründerväter, posierend mit Schubkarren, Schaufeln und Borsalinos, waren überwiegend Italiener und Tessiner. Das Clubhaus haben sie damals grösstenteils mit den eigenen Händen gebaut. Früher sei der Club vergleichsweise «reich» gewesen, habe rund 200 Aktive gezählt, heute seien es nur noch etwa 80.

«Viele Mitglieder sind nach Italien zurückgegangen, und Nachwuchs fehlt.» Hinzu kommt der Weggang des FC St. Gallen aus dem Espenmoos: Seit das auf dem Stadiongelände gelegene Club-Restaurant nicht mehr von Fussballfans profitiere, fliesse nur wenig Geld in die Kasse, sagt der Enkel des legendären Espenmoos-Platzwarts Arturo Boscardin. «Heute vermieten wir darum unser Clubhaus auch für Firmen- oder Familienanlässe. So können wir uns über Wasser halten.»

Erschöpft, aber glücklich

Auch mit Wettkämpfen komme kaum Geld in die Kasse. «Es gibt zwar eine Einschreibgebühr für alle Teilnehmenden, 20 Prozent gehen an den Verband und die Schiedsrichter», sagt Boscardin. «Der Rest ist das Preisgeld für die Erst-, Zweit- und Drittplazierten.» Das Preisgeld der Schweizer Meisterschaft der Frauen am Sonntag nimmt Siegerin Anna Giamboni nach Hause. «Ich bin erschöpft, aber glücklich», sagt sie beim Apéro. Jetzt trainiere sie für die Europameisterschaften vom 19. und 20. September im italienischen Crema. Sagt's, nimmt ihre farbigen Kugeln und geht.

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