Beschimpft und verspottet

FUSSBALL. Seit Jahren hören in der Ostschweiz etwa 30 Schiedsrichter mehr auf, als neue hinzukommen. Deshalb ist der regionale Fussballverband OFV bestrebt, seine Schiedsrichter besser zu schützen.

Yves Solenthaler
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Die Schiedsrichter füllen neben dem Rapport auch ein Formular aus, in dem sie nach Verfehlungen der Protagonisten befragt werden. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Die Schiedsrichter füllen neben dem Rapport auch ein Formular aus, in dem sie nach Verfehlungen der Protagonisten befragt werden. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Bashkim Ibrahimi ist seit zwölf Jahren Schiedsrichter; er pfeift Spiele in der 2. Liga regional und steht in der 2. Liga interregional als Assistent an der Seitenlinie. «In dieser Zeit hatte ich nie das Gefühl, dass ein Spiel ausarten könnte», sagt der 28-Jährige. Dennoch kommt es Woche für Woche zu heiklen Situationen auf den Fussballplätzen, mittendrin meist: der Schiedsrichter. Er wird beschimpft, verspottet, manchmal gar physisch angegriffen. Im letzten Vorrundenspiel der laufenden Saison ist ein Schiedsrichter in Flums tätlich angegriffen worden. Eine Eskalation konnte nur dank des beherzten Eingreifens des Rheinecker Sportchefs Gilbert Lapp verhindert werden. «Der Schiedsrichter dieses Spiels will weitermachen. Das ist positiv», sagt Ibrahimi. Er ist aber eine Ausnahme. Die meisten Referees, die Extremsituationen ausgesetzt waren, hören auf. Dadurch fehlen den Vereinen Schiedsrichter. Viele müssen deshalb Refs bezahlen, um für sie zu pfeifen – was die Problematik höchstens verlagert. Oder sie müssen gar Teams auflösen, um das Schiedsrichter-Kontingent zu erfüllen – was im Gegensatz zur Maxime der Jugendförderung steht.

«Positiv» oder «negativ»?

Der OFV ist daher bestrebt, seine Schiedsrichter besser zu schützen. Das geschieht am effizientesten, wenn die Vereine für ungebührliches Verhalten einzelner bestraft werden. Seit der Rückrunde füllen die Schiedsrichter nebst dem Rapport auch ein Formular aus, in dem sie konkret nach Verfehlungen der Protagonisten befragt werden. Dort wird etwa danach gefragt, wie das Verhalten von Spielern, Trainern/Funktionären und Zuschauern war. «Positiv» bedeutet: innerhalb der Norm. Wenn ein Schiedsrichter «negativ» wählt, muss er dies begründen.

Zurückhaltung bei Beurteilung

Die Häufung negativer Bewertungen wird mit Bussen für den betroffenen Verein geahndet. «Zwar wurde uns schon früher geraten, solche Vorfälle im Rapport zu vermerken», sagt Ibrahimi. Er ist aber überzeugt, dass die Schiedsrichter häufiger zu diesem Mittel greifen, wenn sie konkret danach gefragt werden. Er selbst gehe damit zurückhaltend um, sagt Ibrahimi, hält aber fest, dass er sich als Schiedsrichter nicht alles gefallen lassen müsse. Emotionale Ausbrüche gehörten zum Fussball, sagt Ibrahimi: «Aber Beschimpfungen muss ich nicht akzeptieren.» Ibrahimi ist auf den Rheintaler Fussballplätzen präsent, er mag den Austausch mit Fussballern, Trainern und Funktionären. Vor zwei Wochen in Altstätten sprach ihn der Widnauer Sportchef Marco Zillig auf einen aus dessen Sicht ungerechtfertigten Abseitspfiff im Chur-Spiel an. Ibrahimi stellt sich diesen Diskussionen. Bei den Vereinen wird sein Stil geschätzt. «Ich war selbst Fussballer und überlege mir daher immer, wie eine Entscheidung und vor allem meine Kommunikation bei den Spielern ankommt.» Wenn ein Schiedsrichter das Regelwerk im Griff hat, kann er es aus psychologischen Gründen auch einmal ausdehnen.