BERUFSSCHULE: «Die heutige Aufsicht ist unbrauchbar»

Rolf Dubs, ehemaliger Professor für Wirtschaftspädagogik und HSG-Rektor, erklärt den Unmut am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Gallen (GBS) mit strukturellen Problemen, aber auch mit dem Führungsstil der Schulleitung.

Marcel Elsener, Regula Weik
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«Eine ungenügende Kommunikation führt zu Problemen»: Rolf Dubs, mit 82 Jahren noch immer viel gefragter Bildungsprofessor und Berater. (Bild: Ralph Ribi)

«Eine ungenügende Kommunikation führt zu Problemen»: Rolf Dubs, mit 82 Jahren noch immer viel gefragter Bildungsprofessor und Berater. (Bild: Ralph Ribi)

Marcel Elsener, Regula Weik

ostschweiz

@tagblatt.ch

Rolf Dubs, die GBS-Leitung ist in die Kritik geraten. Überrascht Sie das?

Kritik an Schulen überrascht mich immer weniger. Das ist eine neue Erscheinung, die uns in Zukunft im Bildungswesen viele Probleme bringen wird. Es gibt sehr zutreffende Kritik und es gibt unmögliche Kritik.

Wie beurteilen Sie die Kritik an der GBS-Leitung?

Ich kenne die Einzelheiten nicht. Ich gehe aber davon aus, dass gelegentlich Entscheidungen getroffen wurden, die nicht ganz durchdacht und mit der Lehrerschaft nicht abgesprochen waren. Ich gehe ferner davon aus, dass das Bemühen des Rektors um eine gute Führung der Schule zum Teil zu stark ichbezogen war, in kritischen Situationen die Lehrerschaft nicht beigezogen wurde und insgesamt die Kommunikation gestört war.

Kommunikation und Dialogfähigkeiten sind wichtige Voraussetzungen für eine gute Schulleitung?

Unbedingt. Es muss eine Kultur bestehen, in welcher der Rektor weiss, was er selber entscheidet und wann er die Lehrkräfte zwingend beiziehen muss.

Das gilt auch für Schulen wie das GBS, eine der grössten Bildungs­institutionen der Ostschweiz?

Die Grösse der Schule spielt keine Rolle. Das ist ein Thema des Führungsstils einer Schulleitung. Eine Grundregel lautet: Wenn ein Problem die Lehrkräfte betrifft und belastet, ist es zwingend, dass die Schulleitung eine starke Kommunikation pflegt und die Lehrerschaft bei der Entscheidungsfindung beizieht.

Was passiert, wenn dies nicht geschieht?

Eine ungenügende Kommunikation und kein klares Verhalten, wann die Lehrerschaft in die Entscheidfindung einbezogen wird, führen zu Problemen. Diese werden sich wiederholen und schrittweise verschärfen. Wie stark dies im konkreten Fall gilt, kann ich nicht beurteilen.

Daraus können Überreaktionen wie Abmahnungen oder Vorladungen resultieren, ja ein «Drohsystem».

Das verläuft fast gesetzmässig. Es beginnt mit kleinen Empörungen, die in Fehlern beim Führungsverhalten des Schulleiters liegen und diese beginnen sich dann, wenn es ihm niemand sagt, zu steigern und zu steigern. Schliesslich entsteht daraus ein grosses Problem, das dann aber auch von vielen Beteiligten überbetont wird. Ich vermute, dass dies im Fall GBS letztlich zu dieser ganzen Geschichte geführt hat.

Im konkreten Fall wurden nach unseren Informationen Unzufriedenheit und Kritik sehr wohl geäussert, bloss änderte sich nichts.

Das ist das Schlimmste. Wenn Probleme nicht gehört und nicht bearbeitet werden. Wenn eine Schulleitung vernimmt, dass es Schwierigkeiten gibt, dann muss sie diese anhören und der Rektor muss als verantwortlicher Chef auch entscheiden. Wenn ein Rektor nach Anhörung der Probleme entscheidet, so ist das nicht falsch. Die Hauptaufgabe des Schulleiters in einer solchen Krisensituation ist, dass er eine Lösung findet, unabhängig von den betroffenen Personen.

Wie verfuhren Sie konkret als Rektor der HSG, wenn Kritik an Ihnen geübt wurde?

Wenn ich hörte, dass ein Professor über mich geschnödet hat, dann rief ich ihn an, um im Gespräch das Problem zu bearbeiten und zu beseitigen.

Das tönt doch sehr nach autoritärer Führung.

Ich mag das Wort nicht. Und ich kann Kompromisse eingehen. Kompromiss ist kein Schimpfwort. Schulleiter, die nicht fähig sind, Kompromisse einzugehen, sind nicht geeignet, denn: Alle Lehrkräfte legen Wert auf ihre Individualität, das soll man zulassen. Aber dort, wo Individualitäten dem ganzen System gefährlich werden, muss man sie unterbinden.

Zurück zur kaskadenartigen Entwicklung von kleinen zu grossen Problemen: Muss die Aufsicht einen solchen Prozess unterbinden?

Ganz klar: Bei der bestehenden Rechtsordnung hätte die Aufsichtskommission intervenieren müssen. Konkret: Ich hätte als Präsident der GBS-Berufsfachschulkommission mit dem Rektor unter vier Augen gesprochen, ihm Tipps gegeben und ihm klar gesagt, dass ich genau hinschauen werde, ob er sich verbessert. Und ansonsten würden weitere Massnahmen ergriffen.

Die heutigen Berufsfachschulkommissionen sind Milizgremien. Können sie einen Rektor ebenbürtig beraten?

Das ist die grosse theoretische Frage. Die Antwort lautet: Wir müssen eine Schulaufsicht schaffen, die den Rektor tatsächlich beaufsichtigt, aber sie darf sich nicht in die Angelegenheiten der Lehrkräfte einmischen.

Die heutigen Kommissionen sind doch die Aufsichtsorgane.

Die Bestimmung ist eben nicht so klar. Es braucht dringend eine Reorganisation. Die heutige Aufsicht hat zu wenig klare Kompetenzen und ist unbrauchbar.

Wie müsste die Aufsicht der Berufsschulen denn organisiert sein?

Mein Idealmodell: Das Bildungsdepartement gibt der Berufsfachschulkommission einen Leistungsauftrag. Die Kommission muss diesen konkretisieren und die Strategie der Schule definieren. Und dann muss es eine Aufsicht geben, die prüft, ob die Strategie eingehalten und die Ziele erreicht werden. Damit sind die heutigen Laien-Kommissionen überfordert. Es braucht im Amt für Berufsbildung Schulaufsichtspersonen, die spezialisiert sind und ein Controlling durchführen. Notwendig sind mindestens zwei Personen, die keine anderen administrativen Aufgaben haben dürfen.

Sie würden die Berufsfachschulkommission also nicht abschaffen?

Es braucht diese Kommissionen, aber ihre Kompetenzen müssen viel genauer definiert sein. Wenn dies nicht geschieht, wird sich der Fall GBS wiederholen. Deshalb nochmals: Die Schulaufsicht muss ausserhalb der Kommission sein, sonst beaufsichtigt sich diese selber.

Es gibt auch die Idee einer einzigen Aufsichtskommission beim Kanton, zuständig für alle Berufsschulen.

Das darf unter keinen Umständen sein, es geht um die Teilautonomie der Schulen. Die brauchen sie, um sich entfalten zu können. Alle zentralistischen Bestrebungen widersprechen einer guten Schule; das kann auch gewissen Politikern nicht oft genug gesagt werden.

Wie sinnvoll ist in einer Krisensituation der Beizug eines externen Beraters, wie am GBS geschehen?

Wenn es eine unabhängige Person ist, kann das hilfreich sein. Häufig wird eine solche Begleitung aber auch überschätzt. Im zunehmendem Alter eine Persönlichkeit zu ändern, ist schwierig. So scheinen einige Eigenarten des GBS-Schulleiters nicht mehr zu passen.

Was sollte das GBS jetzt tun, um die Stimmung zu verbessern?

Für mich gibt es zwei Varianten. Variante 1: Ich würde einen begleitenden Berater einsetzen. Eine kommunikative Person, welche den Umgang mit Lehrern beherrscht. Variante 2: Ich würde dem Rektor vorschlagen, gehen Sie zurück ins Lehramt, machen Sie sich das Leben nicht noch schwieriger, Sie stecken mittendrin – ob schuldig oder unschuldig spielt keine Rolle. Rauswerfen oder kündigen war nie meine Art. Ebenso sollten auch Schulleiter nur mit grosser Rücksichtnahme überhaupt an Kündigungen von Lehrkräften denken.

Ist die GBS ein Einzelfall?

Das ist nicht der erste Fall und wird nicht der letzte sein. Es zeigt sich immer dasselbe Muster: Bei organisatorischen Mängeln kommen Schwachstellen von Schulleitern schärfer zum Ausdruck. Die grösste Schwachstelle ist, wenn Schulleiter abgehoben sind und in schwierigen Situationen den Zugang zu den Lehrkräften nicht suchen.

Können Sie in der aktuellen Situation verstehen, dass sich die Kritiker des GBS-Rektors anonym äussern?

Nein. Lehrpersonen sollten nicht zuletzt wegen ihrer Vorbildfunktion den Mut haben, jemanden zu stellen, wenn etwas nicht stimmt. Zumal es in der Schweiz sehr viel braucht, bis ein Kritiker entlassen wird. Deshalb akzeptiere ich Anonymität gegenüber dem Rektor in einer solchen Situation nicht.

Wie erklären Sie sich den Zeitpunkt der anonymen Aktion?

Ich vermute, dass für eine Gruppe von Lehrkräften ein kleines negatives Ereignis das Fass zum Übergelaufen gebracht hat.

Wäre bei einer derart grossen Schule eine Co-Leitung vorstellbar?

Ich bin ein scharfer Gegner von Co-Leitungen, weil damit die Verantwortungen verwischt werden. Die Idee der Co-Leitung kommt immer nur auf, wenn insgesamt die Kommunikation nicht funktioniert. Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass wir eine verantwortliche Leitungsperson brauchen. In einer heiklen Situation wäre ich glücklich, eine Co-Leitung zu haben, dann könnte ich sagen, ich hätte es anders gemacht... Das bringt keine Lösungen.

Sondern?

Wenn eine Berufsschule so gross ist wie das GBS, muss man mehr Aufgaben delegieren und jede Abteilung zu einer kleinen Schule machen.

Es wäre demnach ratsam, die Schule für Gestaltung herauszulösen?

Ja, durchaus, als eigenständige Schule unter der Gesamtführung, das könnte sich positiv auswirken.

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