Berger ist angekommen

Jan Berger zählte einst zu den grössten Talenten im Schweizer Fussball. Heute trainiert der 36-Jährige den 2.-Liga-Club Abtwil-Engelburg und hat den Übergang ins Berufsleben geschafft.

Patricia Loher
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«Das Team muss sich an mich gewöhnen und ich mich ans Team»: Jan Berger im Training. (Bild: Urs Jaudas)

«Das Team muss sich an mich gewöhnen und ich mich ans Team»: Jan Berger im Training. (Bild: Urs Jaudas)

FUSSBALL. Sportlich ist die Lage beim FC Abtwil-Engelburg in der 2. Liga regional angespannt. In fünf Partien hat das Team erst zwei Punkte gewonnen. Vor dem heutigen Heimspiel gegen Herisau belegt die Mannschaft den letzten Tabellenplatz. Jan Berger sagt: «Es braucht Zeit. Das Team muss sich an mich gewöhnen und ich mich ans Team.» Der 36-Jährige trägt seit dieser Saison bei Abtwil-Engelburg die Verantwortung und schwärmt: «Es macht Spass.»

Der frühere Mittelfeldspieler des FC St. Gallen, einst eines der grössten Talente im Schweizer Fussball, hat den Übergang vom Spitzensport in ein «normales» Leben geschafft. Und darauf, sagt er, sei er besonders stolz. Vor zwei Jahren absolvierte Berger eine Ausbildung zum Berater für Lebensversicherungen. Am Montag beginnt er in Winterthur seine neue Arbeitsstelle als Sachbearbeiter in einer Freizügigkeitsstiftung. Der ehemalige Profifussballer weiss, dass der Abschied vom Spitzensport auch schwerfallen kann. «Aber ich habe mich schon früh damit befasst. Meine Zeit in Indien hat mir dabei geholfen.» Vor seiner Rückkehr in die Schweiz spielte Berger für den East Bengal Club in Kalkutta.

Der 16. Club

Abtwil-Engelburg ist in der Karriere von Berger der 16. Club. Der gebürtige Prager spielte für die Grasshoppers, Basel, Aarau, Bellinzona, Baden, St. Gallen, Pribram in Tschechien, Sion, Lausanne, Bulle, Chênois, Trinec, Slovacko – ebenfalls Clubs in seiner Heimat – den indischen Verein und Gossau. Gegenüber der «NZZ» sagte er einmal: «Ich weiss nicht, wo meine Wurzeln sind.» Heute äussert sich Berger so: «Ich glaube, ich bin angekommen. In St. Gallen fühlte ich mich immer wohl. Hier habe ich meine Freunde und meine Freundin.»

Sein Vater – er heisst ebenfalls Jan – hat für das Nationalteam der damaligen Tschechoslowakei 30 Spiele absolviert. 1986, während des Kommunismus, durfte er zum FC Zürich wechseln. Die Mutter und ein Bruder gingen mit, Jan und sein anderer Bruder blieben in Prag. Als Pfand des Regimes. Erst 1991 zogen alle Kinder in die Schweiz. 1994 begann Jan junior bei den Grasshoppers seine Profikarriere. Als Spieler hatte Berger viele Trainer: Christian Gross, Marcel Koller, Gerard Castella. Von jedem habe er etwas gelernt, aber es liege ihm fern, jemanden kopieren zu wollen. Nachdem er bei der U21 in Sitten und in der Juniorenabteilung des tschechischen Clubs Trinec erste Erfahrungen als Assistenztrainer gesammelt hatte, sprang Berger auch in Gossau nach Trainerentlassungen zweimal als Assistent ein. Er habe gemerkt, dass ihm diese Rolle liege. «Aber es war mein Ziel, einmal die alleinige Verantwortung zu übernehmen», so Berger, der das B-Diplom in der Tasche hat. Während seiner Karriere hat er viel gelernt, viel gesehen und sich auch Sprachen angeeignet. So wird er an seinem neuen Arbeitsort für Kunden aus der Romandie zuständig sein.

Andere sollen profitieren

Berger bereut nichts, auch wenn er sagt, «dass mit meinen Qualitäten wohl mehr dringelegen wäre». Er war technisch besser als der Durchschnitt und wurde stets mit seinem Vater und mit Cousin Patrik Berger verglichen, der für Liverpool spielte. Nun will Berger, dass andere von seinen Erfahrungen profitieren. «Auch wenn ich weiss: Von Amateuren kann nicht dasselbe verlangt werden wie von Spitzensportlern.»