Bereit für die Freiheit

Vier Monate lang haben Jörg Schweizer und seine Mitarbeiter 30 Millionen Fischeier in der Fischbrutanlage Rorschach gehegt und gepflegt. Jetzt hat er die geschlüpften Felchen ausgesetzt. Der Bodensee ist wieder um Millionen Fische reicher.

Lea Müller
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Fischereiaufseher Jörg Schweizer füllt Seewasser in das Becken mit den frisch geschlüpften Felchen. Danach setzt er sie im Bodensee aus. (Bild: Lea Müller)

Fischereiaufseher Jörg Schweizer füllt Seewasser in das Becken mit den frisch geschlüpften Felchen. Danach setzt er sie im Bodensee aus. (Bild: Lea Müller)

Rorschach. Das Fischlein kämpft hartnäckig gegen die Eierschale, die immer noch über seinem Kopf hängt. Endlich kann es sich befreien und schwimmt schnell davon. Millionen andere frisch geschlüpfte Blaufelchen tummeln sich in dem grossen Becken in der Fischzucht Rorschach. Ihre grossen Augen glitzern goldig im Wasser. Der Rest ihres Körpers ist noch durchsichtig – unter dem Mikroskop lässt sich aber erkennen, wie das kleine Herz heftig pocht. Gerade mal einen knappen Zentimeter gross sind die Tiere. Und doch sind sie schon bereit dafür, in die Freiheit entlassen zu werden.

Den Plankton aufspüren

«Der Zeitpunkt ist genau richtig», sagt Jörg Schweizer, Fischereiaufseher auf dem st. gallischen Teil des Bodensees und Leiter der Fischbrutanlage Rorschach. In der Natur müssten die Fische jetzt vom Seegrund teilweise 200 Meter hinauf zu der Oberfläche schwimmen. Er hingegen könne seinen Zöglingen eine kleine Starthilfe geben. Mit einem grossen Schlauch transferiert er die zappelnde Fischbrut von der Anlage in ein grosses Becken auf dem Boot, das im Hafen schaukelt.

Der See ist an diesem sonnigen Tag ruhig – ideale Bedingungen für das Aussetzen. Mit Hilfe eines Echolots sucht Jörg Schweizer eine passende Stelle, wo besonders viel Plankton schwimmt. «Dann kann ich die Fische auf einen reich gedeckten Tisch setzen», sagt er und erklärt: «Die Anpassung an die Bedingungen im See und die erste Nahrungsaufnahme bedeuten das <Nadelöhr> im Leben eines Tieres aus der Fischzucht.» Die Überlebensrate sei verhältnismässig hoch, fügt er an. Schätzungsweise 50 Prozent der Felchen im Bodensee stammen aus den Fischzuchten.

Um dem Nachwuchs einen ersten Schock zu ersparen, kippt der Fischbrutleiter zur Akklimatisierung behutsam einige Eimer Seewasser in das Becken. Dann sind sie bereit für ihren ersten Flossenschlag im Bodensee: Jörg Schweizer öffnet das Ventil des Beckens und die Jungfische rutschen durch einen dicken Schlauch direkt in den See. «Das ist einer der schönsten Momente für mich», freut er sich und blickt den Fischen nach. Vier Monate lang hat er den Laich gehegt und gepflegt. Jetzt ist er froh und erleichtert, dass er die Verantwortung abgeben kann. Er tuckert mit dem Boot langsam vorwärts, damit nicht alle Tierchen am selben Ort schwimmen – die Vögel und Raubfische sollen kein leichtes Spiel haben. Nach nur fünf Minuten ist die Aktion vorbei. Vorsichtig spült Jörg Schweizer die letzten «Nachzügler» aus dem Becken. Keiner darf vergessen werden.

70 Prozent haben überlebt

Und wieder ist der Bodensee um Millionen Fische reicher. Insgesamt sind in der Fischbrutanlage Rorschach 10,7 Millionen Blaufelchen und 11,3 Millionen der Felchenart Gangfische geschlüpft. Das entspricht einer Schlupfrate von rund 70 Prozent. In der freien Natur liegt die Überlebensrate laut Jörg Schweizer im einstelligen Prozentbereich. Der Fischereiaufseher ist zufrieden mit dem Ergebnis: «So können wir den Mindestbestand der Fische im See garantieren.» Dreimal ist er in dieser Woche hinausgefahren und hat die frisch geschlüpften Felchenbrütlinge in die Freiheit entlassen. Als nächstes sind die Seeforellen und die Saiblinge an der Reihe. Dann steht in der Fischzucht der Grossputz an – damit die Brutgläser im Winter wieder bereit sind für die nächsten Felchen-Eier.

Fischzucht muss umziehen

Wie lange die Fischzucht noch in Rorschach bleibt, ist ungewiss. Beim Standort östlich des Strandbads läuft der Baurechtsvertrag aus. Im Gespräch sind zwei neue Standorte: das ehemalige Wasserwerk der St. Galler Stadtwerke im Rietli Goldach und eine Landparzelle nahe der Tyco Electronics AG in Steinach. Noch ist laut Peter Kuratli, Generalsekretär Volkswirtschaftsdepartement, kein Entscheid gefallen. Mit der Stadt Rorschach sei man im Gespräch über eine Vertragsverlängerung.

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