Belästigung ist subjektiv

ST.GALLEN. Sexuelle Belästigung soll in Schweizer Bussen und Trams an der Tagesordnung sein. In St. Gallen scheint das Problem nicht dieses Ausmass zu haben. Ein Aber gibt es trotzdem.

Elisabeth Reisp
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Belästigungen kommen überall vor. Nur selten werden sie aber angezeigt. (Bild: Michel Canonica/Symbol)

Belästigungen kommen überall vor. Nur selten werden sie aber angezeigt. (Bild: Michel Canonica/Symbol)

Der Bus ruckelt, bremst, gibt wieder Gas – ständig werden die Passagiere aneinander gedrückt. Im Feierabend-Gedränge kann es schon mal zu einem unangenehmen Körperkontakt kommen. Kommt diese Berührung aber absichtlich zustande, ist es Belästigung.

Eine Studie aus Paris soll herausgefunden haben, dass alle Probandinnen bereits einmal im öV sexuell belästigt wurden. Schweizer Online-Medien haben gestern die Geschichte übernommen und Leserinnen und Leser aufgefordert, ihre Erlebnisse zu schildern. Jede und jeder Zweite sollen diese Erfahrung schon gemacht haben. Berichtet wurde von Exhibitionisten, Männern, die ihr Knie an jenem der Frau rieben, Händen, die plötzlich auf dem Oberschenkel lagen und von vielem mehr. Findet sexuelle Belästigung tatsächlich auch in St. Gallen in diesem Ausmass statt?

Nur sechs Anzeigen letztes Jahr

«Eher nicht», sagt Brigitte Huber von der Opferhilfe St. Gallen und beider Appenzell. «Die Zahl aus Paris hat mich überrascht.» Diese sei sehr hoch. Für St. Gallen trifft diese Quote nicht zu. «Aber die Dunkelziffer ist hoch.» Tatsächlich verzeichnet die Statistik der Kantonspolizei für das vergangene Jahr nur sechs Fälle von sexueller Belästigung und Exhibitionismus in der Stadt St. Gallen. Das sind zwar mehr, als die jährlich zwei bis fünf Anzeigen der Vorjahre.

Eine Anfrage bei den Verkehrsbetrieben zeigt: Regelmässig muss Videomaterial aus Stadtbussen ausgewertet werden. «Aber so gut wie nie aufgrund sexueller Belästigung», sagt Ralf Eigenmann Leiter der Verkehrsbetriebe. Einmal habe es in den letzten Jahren einen sexuellen Übergriff gegeben, von dem die Verkehrsbetriebe Kenntnis erhielten. Aber vieles bemerkten die Buschauffeure nicht. Schliesslich sei der Bus über 18 Meter lang und die Chauffeure müssten ihr Augenmerk auf den Verkehr richten. Viel häufiger gebe es Tätlichkeiten, wie etwa Schläge gegen Frauen. Auch Diebstahl sei ein häufiger Grund für die Sicherstellung von Videoaufzeichnungen.

Frauen wollen nicht zickig sein

Dass in Trams und Bussen besonders häufig belästigt wird, glaubt auch Brigitte Huber nicht. «Wir haben nicht mehr Meldungen von Übergriffen im öV als aus anderen Bereichen.» Aber viele Betroffene versuchten solche Erlebnisse auch schnell zu vergessen. «Vieles gelangt nicht bis zur Anzeige», sagt Huber.

Sexuelle Belästigung sei eine sehr subjektive Angelegenheit. So fühlen sich einige Frauen bei anzüglichen Blicken belästigt, andere erst bei körperlichen Übergriffen. Starren kann also belästigend sein, zur Anzeige kann es aber nicht gebracht werden. «Frauen müssen sich trauen, etwas zu sagen und sich zu wehren», sagt Huber. Viele Frauen hätten grosse Mühe, solche Situationen verbal zu meistern. Sie seien oft schlicht blockiert und nicht zu einer Reaktion fähig. «Aber es gibt auch Frauen, die fürchten gleich als zickig zu gelten.»