Bekenntnis zum Akkordeon

Das Instrument hat sich gemausert, von der Handorgel zum Akkordeon. In gleicher Weise wie die Möglichkeiten des Instruments sind auch die Ansprüche gestiegen. Wie sehr, dies zeigte am Samstag das Akkordeon-Ensemble St. Gallen.

Josef Osterwalder
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Akkordeon-Ensemble St. Gallen beim Jahreskonzert vom Samstagabend im Pfalzkeller. (Bild: Urs Bucher)

Akkordeon-Ensemble St. Gallen beim Jahreskonzert vom Samstagabend im Pfalzkeller. (Bild: Urs Bucher)

Die grossen Akkordeonorchester haben es schwer, zumindest in der Stadt. Dabei haben sie während Jahrzehnten musikalische Pionierleistungen vollbracht.

Lange bevor es nämlich die öffentlichen Musikschulen gab, führten private Ausbildner die Buben und Mädchen an das Spielen eines Instruments heran, mit allem, was damit verbunden ist: Notenlesen, Schulung des Rhythmusgefühls, Sinn für das Zusammenspiel.

Ein Fall für Virtuosen

Seit die musikalische Grundschule in den Schulhäusern Einzug gehalten hat, geht der Weg zur Musik für viele nicht mehr über das Akkordeon.

Das hat der Qualität des Instruments aber nicht geschadet, sondern im Gegenteil Auftrieb verliehen. Solistisch eingesetzt, erweist sich das Akkordeon als Instrument von fast schon akrobatischer Virtuosität.

Reiz des Zusammenspiels

Dennoch ist der Reiz des Zusammenspiels geblieben. Dies zu zeigen, ist die Leistung des Akkordeon-Ensembles St. Gallen, das von Peter Stricker vor über 25 Jahren gegründet wurde.

Er und die vier Akkordeonistinnen des Ensembles haben sich zum ehrgeizigen Ziel gesetzt, alle Facetten des Instruments zu erkunden und auszureizen.

Im Jahreskonzert vom letzten Samstag im Pfalzkeller ging es darum wiederum auf eine Erkundungsreise in die weite Landschaft der Akkordeonmusik.

Original und arrangiert

Das geht von Musik, die original für das Instrument geschrieben wurde, bis zu Arrangements aller Art. Bei den neckischen «Schwabenstreichen» von Adolf Götz spürt man den virtuosen Komponisten, der gerne zum Schreiben von Wettkampf-Stücken beigezogen wird. Bei solchen Werken beweist das Akkordeon-Ensemble St. Gallen, dass es die Eigenart und den Witz eines Stücks herauszuspielen vermag.

Anders die Herausforderung, wenn es gilt, ein Orgelwerk für das Akkordeon anzupassen. Beispielhaft gelang dies am Samstag mit dem «Carillon de Westminster», den der Nôtre-Dame-Organist Louis Vierne ursprünglich für seine mächtige Pariser Orgel geschrieben hatte.

Anspruchsvolle Musik und dennoch ein lockerer Rahmen, dies sind die Kennzeichen der Jahreskonzerte des Akkordeon-Ensembles. Das Calatrava-Foyer bietet dazu nicht nur eine ausgezeichnete Akustik, sondern auch einen festlich-familiären Rahmen. Wobei die vielen aktiven oder ehemaligen Akkordeonisten im Publikum zur gelösten Stimmung beitragen.

In kurzen, aufschlussreichen Kommentaren führt Peter Stricker in die Werke ein. Bei einem artifiziellen Stück lässt er Christine Hoffmann zuerst einmal den besondern Rhythmus einer Habanera spielen, dem sich später Melodien mit einem gegensätzlichen Drive entgegenstellen.

Spannung im Balg

Auffallend, wie hier nicht nur Klangteppiche gewoben werden, sondern phasenweise auch äusserst schlank und durchsichtig musiziert wird. «Solche Transparenz ist mir besonders wichtig», sagt Peter Stricker.

Und wie kommt es, dass bei einem Tango oder Walzer die Instrumente selber mitzutanzen scheinen? «Das hängt am Umgang mit dem Balg», sagt Peter Stricker; «dieser ist entscheidend beim Akkordeonspiel. Mit dem Balg werden die Töne geformt.» Auf die Spannung im Balg kommt es an, das macht die Musik spannend.

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