Beide Optionen offenhalten

Gossau in ein paar Jahren: Der Werkverkehr rollt, es wird produziert. Das Industrie- und Gewerbegebiet im Westen Gossaus ist überbaut. Lange, sehr lange hat es gedauert, bis die einheimischen Betriebe expandieren und neue Unternehmen angesiedelt werden konnten.

Rita Bolt
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Gossau in ein paar Jahren: Der Werkverkehr rollt, es wird produziert. Das Industrie- und Gewerbegebiet im Westen Gossaus ist überbaut. Lange, sehr lange hat es gedauert, bis die einheimischen Betriebe expandieren und neue Unternehmen angesiedelt werden konnten. Für einige zu lange – sie schauten sich anderweitig um und kehrten Gossau den Rücken. Mit dem Wegzug von Unternehmen gingen Arbeitsplätze und Steuergelder verloren. Ein Argument, das in den kontrovers geführten Debatten um neues Industrie- und Gewerbeland ins Feld geführt wird. Die Abwanderung soll gestoppt werden.

Die Abstimmung vom 13. Februar über mögliches Gewerbe- und Industrieland im Westen ist eine der wichtigsten in der Geschichte Gossaus. Der Entscheid wird wegweisend dafür sein, ob sich Gossau wirtschaftlich weiterentwickeln kann und ob Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden können. Oder ob interessierte neue Unternehmen weiterhin abgewiesen werden müssen und Gossau mehr und mehr an Boden verliert. Aber auch wenn die Gossauer Ja zu neuem Bauland im Westen sagen: Ob im Gebiet Moosburg oder im Gebiet Sommerau Nord Bauland erschlossen werden kann, wird nicht entschieden. Denn die Stimmberechtigten spielen am 13. Februar nicht das Zünglein an der Waage, sie fällen keinen Stichentscheid. Sie stimmen über zwei Vorhaben ab, die unterschiedlich weit vorangeschritten sind: Über den Teilzonenplan Moosburg und über das Initiativbegehren Sommerau Nord. Zweimal Ja würde heissen, dass der Stadtrat die Planung für beide Gebiete parallel weiter vorantreiben muss, und zwar bis zum Zeitpunkt, wo für eines der beiden Gebiete der «Durchbruch» erzielt werden kann.

Die Parolen zu den Abstimmungsvorlagen sind gefasst: Das überparteiliche Komitee «Ja zur Einzonung Sommerau Nord» hat Rückendeckung von der SVP. Das aus den Wirtschaftsverbänden bestehende Komitee «2 x Ja zu Moosburg und Sommerau» wird von CVP, FDP und Flig unterstützt. Die SP teilt die Meinung des Stadtrates und sagt Ja zur Teileinzonung Moosburg. Und dann ist da noch das Komitee «Nein zur Teileinzonung Moosburg», das sich aus Mitgliedern der IG Niederdorf zusammensetzt. Die Niederdörfler sind Direktbetroffene. Sie wollen nicht, dass in der Moosburg «bestes Ackerland» verbaut wird.

Die Argumente für und wider die möglichen Gebiete sind vielfältig. Die IG Sommerau beispielsweise nennt als Vorteil für «ihr» Gebiet die direkte Anbindung an die Autobahn A1. «Das Zentrum bleibt von weiterem Verkehr verschont», argumentiert sie. «Die Zahl der Fahrten aus dem Gebiet Sommerau auf den Autobahnzubringer wird auf 3000 Fahrzeuge pro Tag beschränkt», hält der Stadtrat dagegen. 3000 Fahrten seien enorm viel, sagt die IG Sommerau. «Zumal, wenn keine verkehrsintensiven Läden gebaut, sondern Arbeitsplätze für Gewerbe und Industrie angesiedelt werden.» Die 3000 Fahrten würden vom Stadtrat als Hindernis für die «Sommerau» und als Pluspunkt für die «Moosburg» gewertet.

Apropos Moosburg: Mit der Baulanderschliessung in der Moosburg ist eine Verbindungsstrasse Flawiler-/Wilerstrasse geplant. Diese soll auch den Verkehr aus dem Untertoggenburg abfangen und auf die Autobahn führen. Die IG Niederdorf und das Komitee «Nein zur Teileinzonung Niederdorf» wehren sich nicht nur gegen neues Bauland, sondern insbesondere gegen diese Strasse. «Neue Strassen reduzieren den Verkehr nicht, sondern ziehen Verkehr an», ist das Komitee überzeugt. Bereits heute kündigt die IG Niederdorf an, dass sie diese Verbindungsstrasse bekämpfen werde.

Die Wirtschaftsverbände – das sind der Gewerbeverein, die Handels- und Industrievereinigung sowie die Fachgeschäfte – machen bei diesem Tauziehen um Sommerau oder Moosburg nicht mit. «Beide Gebiete haben Vor- und Nachteile», sagt das Komitee mit Gossaus Gewerbepräsident Daniel Lehmann an der Spitze. Beide Gebiete seien raumplanerisch und verkehrstechnisch geeignet für eine optimale Erschliessung für wertschöpfungsorientierte Unternehmen. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es falsch, die beiden Gebiete gegeneinander auszuspielen. Heute könne nicht abgeschätzt werden, welches Gebiet zuerst erfolgreich entwickelt werden könne.

Gossau braucht eingezontes Bauland für Industrie, Gewerbe und Dienstleistungsunternehmen. Einheimische Unternehmen wollen sich entfalten, neue sich ansiedeln. Von den heute 120 Hektaren Gewerbe- und Industrieland in Gossau und Arnegg sind 95 Hektaren überbaut. 20 Hektaren sind eingezont, aber nicht überbaut, gehören privaten Grundeigentümern und sind nicht verfügbar. Bleiben fünf Hektaren, verteilt auf sieben Grundstücke. Zu wenig. Die Stadt rechnet mittelfristig damit, dass jährlich etwa zwei Hektaren Land verbaut werden.

Die IG Sommerau und der Stadtrat pflegen schon seit längerem keine fruchtbare Zusammenarbeit mehr. Im Gegenteil. Durch das Ausspielen der Gebiete Sommerau und Moosburg gegeneinander laufen sie Gefahr, dass das Stimmvolk beide Vorlagen bachab schickt. Das darf nicht geschehen. Denn um attraktiv zu bleiben, braucht Gossau ein blühendes Gewerbe und eine florierende Wirtschaft. Zweimal Ja zu Sommerau und Moosburg eröffnet die Chance, dass dereinst im Westen Gossaus produziert wird und der Werkverkehr rollt.

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