Bei einfachen Beschwerden berät der Arzt per Video

Die Apotheken bieten seit Frühling weiterreichende Untersuchungen an – mit per Video zugeschalteten Ärzten. Erste Erfahrungen zeigen: Das Angebot wird vor allem zu Randzeiten und von jüngeren Patienten genutzt.

Regula Weik
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Yvonne Geiger, Präsidentin Apothekerverband St. Gallen-Appenzell. (Bild: pd)

Yvonne Geiger, Präsidentin Apothekerverband St. Gallen-Appenzell. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Ein Kunde betritt die Apotheke. Seine Augen sind stark gerötet und verklebt. Die Entzündung trat vor einer Woche erstmals auf. Tropfen aus der Hausapotheke brachten keine Linderung. Es ist später Freitagnachmittag und der Kunde wünscht sich fürs Wochenende eine Besserung der Beschwerden. «Eine typische Situation», sagt Yvonne Geiger, Präsidentin des Apothekerverbandes St. Gallen-Appenzell. Sie leitet eine Apotheke in der Stadt St. Gallen und schlägt dem Kunden eine genauere Abklärung vor; sie stellt ihm eine Reihe von Fragen – anhand eines wissenschaftlich erarbeiteten Fragebogens. «Dabei werden auch Risikofaktoren angesprochen und abgewogen», sagt sie. «Es geht darum, sich ein möglichst genaues Bild vom Patienten zu machen.»

Im konkreten Fall empfiehlt sie dem Kunden, den Hausarzt aufzusuchen – oder per Video einen Arzt zur weiteren Beratung zuzuschalten. Er entscheidet sich für die Variante Telemedizin. Der Videoarzt verschreibt ihm antibiotikahaltige Augentropfen – ein rezeptpflichtiges Präparat, das die Apothekerin von sich aus nicht abgeben dürfte. Der Arzt faxt ihr das notwendige Rezept, und die Apothekerin übergibt dem Patienten das Medikament.

Drei Tage später: Der Kontrollanruf beim Kunden zeigt, dass die Augenbeschwerden bereits am zweiten Tag merklich nachgelassen hatten.

Bei Bagatellerkrankungen

Das Angebot mit per Video zugeschaltetem Arzt ist neu. Welches sind die Vorteile? Die Apotheken machten doch schon immer die Triage zwischen rezeptfreier Behandlung, Gang zum Hausarzt oder auf die Notfallstation? «NetCare» – so nennt sich das Angebot – gehe einen Schritt weiter, sagt Yvonne Geiger. «Es ist eine zusätzliche Dienstleistung. Es entlastet die Hausärzte von Bagatellfällen.»

Denn exakt dafür eigne sich «NetCare»: für einfache Beschwerden und Bagatellerkrankungen wie Bindehautentzündung, akuten Durchfall, Harnweginfekt, Rückenschmerzen, Warzen. «Die Idee ist nicht, per Telemedizin einen Blinddarm zu diagnostizieren.» Yvonne Geiger ist überzeugt: 50 Prozent der einfachen Beschwerden und Erkrankungen könnten per Videobehandlung gelindert werden – «eine Behandlungsstufe ohne grosse Kostenfolgen und damit auch ein Beitrag gegen den Anstieg der Gesundheitskosten».

Das soll denn auch der zweijährige Pilotversuch von «NetCare» bestätigen – oder widerlegen. 15 Franken kostet die vertiefte Abklärung und Beratung durch die Apothekerin; 48 Franken zahlt der Kunde, wenn der Videoarzt zugeschaltet wird. Insgesamt also 63 Franken plus die verordneten Medikamente.

Reich wird Yvonne Geiger davon nicht; die notwendigen Installationen haben ihren Preis. Sie spricht von einer «Investition in die Zukunft». Und dann meint sie: «Die Beratungsleistungen der Apotheken sind bislang gratis. Doch langsam stossen wir damit an Grenzen. Die Kosten für die vertiefte Beratung im Rahmen von NetCare sind ein erster, kleiner Schritt Richtung Abgeltungssystem.»

Vierzehn machen mit

Yvonne Geigers Apotheke ist eine von sechs im Kanton St. Gallen, die sich am Pilotversuch beteiligen. In Thurgau sind es acht, in Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden keine. Das neue Angebot orientiert sich an den Öffnungszeiten; es wird kein Notfalldienst rund um die Uhr angeboten. Wie reagieren die Kundinnen und Kunden darauf? Es werde – vor allem von jüngeren Kunden – als «unkompliziert» geschätzt, sagt Yvonne Geiger. Der Bekanntheitsgrad sei (noch) nicht sehr hoch – «die Videobehandlung kommt immer auf meine Initiative hin zustande.» Und das meistens zu Randzeiten – vor Wochenenden, Feiertagen oder Ferien. Neun Patientinnen und Patienten haben sich bislang in ihrer Apotheke für die Telemedizin entschieden – also zwei pro Monat. Das entspreche in etwa ihren Erwartungen – und den Erfahrungen schweizweit.

Und die Nachteile? Es sei eine maximale Wartezeit von 15 bis 20 Minuten auf den Videoarzt zugesichert worden. Yvonne Geigers Erfahrung ist: «Es dauert in der Regel 20 bis 30 Minuten, bis der Arzt zugeschaltet ist. Aber das ist immer noch ein hoher Komfort, verglichen mit den Wartezeiten auf den Notfallstationen.»

Und die Ärzte?

Die Apothekerin hat bis jetzt keine negativen Reaktionen von Ärzteseite erlebt. Bekannt ist: Bei den Ostschweizer Ärzteorganisationen stösst das neue Modell auf wenig Gegenliebe. Die Haus- und Kinderärzte Ostschweiz übten bei Bekanntwerden des neuen Angebots Kritik, ebenso auch die St. Galler Ärztegesellschaft. «Das neue Angebot tangiert die Hausärzte wirtschaftlich nicht stark», sagt Yvonne Geiger. Und weiter: «Es gibt klare Grenzen, die wir nicht überschreiten.» So würden die Apotheker keine medizinischen Diagnosen stellen; dies übernehme weiterhin der Arzt.

Apothekerin und Kundin – und per Video zugeschaltet der beratende Arzt. (Bild: pd)

Apothekerin und Kundin – und per Video zugeschaltet der beratende Arzt. (Bild: pd)