Begleiterinnen der guten Hoffnung

«... und dann durfte ich der Mutter die Nachricht überbringen, es sei alles in Ordnung. Dem Kind geht es gut, es hat sich erholt.» Zwei honigfarbene Augen strahlen mich an. Sie gehören Sandra Kobler, Hebamme in Ausbildung.

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Hebamme Sandra Kobler erklärt, was mit Babies nach der Geburt passiert. (Bild: Barbara Camenzind)

Hebamme Sandra Kobler erklärt, was mit Babies nach der Geburt passiert. (Bild: Barbara Camenzind)

«... und dann durfte ich der Mutter die Nachricht überbringen, es sei alles in Ordnung. Dem Kind geht es gut, es hat sich erholt.» Zwei honigfarbene Augen strahlen mich an. Sie gehören Sandra Kobler, Hebamme in Ausbildung. Sie erzählt von ihrem Praktikums-Schlüsselerlebnis, als ihr Entscheid für den Beruf gefallen sei. Die Menschwerdung faszinierte sie schon als Kind. «Als kleines Mädchen wollte ich ganz genau wissen, wie meine Schwester und ich auf die Welt gekommen sind», erzählt die junge Rorschacherin. Sandras Geburt war unkompliziert. Keine Stunde nach Eintreffen im Spital war sie da. Eintrag im Register: Geboren in Rorschach.

Auf der gesunden Seite

«Die Verantwortung in unserer Arbeit ist gross, immer wieder müssen wir schnelle und folgenschwere Entscheidungen treffen. Ich bin froh, dass ich in der praktischen Ausbildung auch mentale Unterstützung von meinen Teamkolleginnen bekomme», schildert sie ihren Ausbildungsalltag. Im Moment arbeitet sie in der Neonatologie des Kantonsspitals St. Gallen. Kein Ort der sorglosen Niederkunft, weder für die Frühchen noch für ihre Mütter. Auch Fachpersonen lässt so etwas nicht kalt. Sandras liebevolle Stimme tönt daher noch etwas samtiger: «Als ich einer sehr kranken Wöchnerin ihr winziges Baby bringen durfte, war für einen Moment einfach alles gut.»

Hebammen arbeiten auf der «gesunden Seite» des Pflegeberufs. Das ist der Berufskodex der zierlichen 23-Jährigen. Eine erfahrene Berufskollegin bestätigt dies hocherfreut. Eine Geburt ist grundsätzlich keine Krankheit. Die Goldacherin Claudia Degani arbeitet Teilzeit im Spital Heiden und ist ansonsten als freiberufliche Hebamme in der Region tätig: «Wir ergreifen diesen Beruf nicht, weil wir mit süssen Babies <bibäbelen> wollen. Unser Fokus liegt auf der sorgfältigen Begleitung der Frau während der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts.» Claudias achtsame Fürsorge habe ich nach der eher komplizierten Ankunft meiner Tochter Hannah am eigenen Leib erfahren. Zum Glück.

Beruf als Berufung

Das Bild der Hebamme ist archaisch geblieben, trotz der im 20. Jahrhundert erfolgten und medizinisch notwendigen Verschiebung der Geburtshilfe ins Krankenhaus. Hebammen wollen parallel dazu auf die Bedürfnisse der Frauen eingehen. Sie sind die Rückhalt gebende Begleitung in der «Zeit der guten Hoffnung». Kein Wunder ist deshalb die Berufsbezeichnung Zeitgeist-resistent: «Hebiana – Hebamme» bezeichnet die Ahnin, die das Neugeborene hält. Der Berufsalltag hat sich gewandelt. Im Raum Rorschach betreut Claudia Degani so gut wie keine Frauen mehr, die daheim gebären wollen, auch ist die Schwangerschaftsuntersuchung durch Hebammen wenig etabliert, obwohl von Krankenkassen anerkannt. Oft sehen sie die Frauen erst unter den Wehen im Spital.

Sandra freut sich daher besonders, dass sie über Weihnachten zum ersten Mal eine Hausgeburt begleiten darf: «Ich hoffe, der Frau geht es gut. Mir macht es nichts aus, für diese Erfahrung an den Festtagen Pikettdienst zu haben.» Ein warmherziges Bekenntnis zu einem Beruf, der als Berufung wahrgenommen wird. Junge Rorschacher Mütter bestätigen meine Erkenntnis: Diese Frauen, die uns begleiten, wenn der Nachwuchs das Licht der Welt erblickt, die uns schnell beistehen können, da das nächste Spital mit Geburtsabteilung etwas weiter entfernt ist – sie sind ganz besondere Schätze. Und in der adventlichen Erwartung des Lichts der Welt sage ich ihnen stellvertretend für alle Frauen ein liebes Dankeschön.

Die Rorschacher Schatzsuche online: schatzsucher. rorschach.ch oder auf Facebook: «Schatzsucherin Rorschach»