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Beckerellis Wiederkunft

Der Zauberkünstler Professor Beckerelli (1860–1933) war einst ein Liebling der Gallusstadt. Kurzzeitig schien er am Donnerstagabend wieder auferstanden zu sein. Durch Rico Leitners Zungen- und Fingerfertigkeit im Stadthaus.
Josef Osterwalder
Rico Leitner zeigt eines der magischen Kunststücke, wie sie zu Beckerellis Inventar gehörten. (Bild: Urs Bucher)

Rico Leitner zeigt eines der magischen Kunststücke, wie sie zu Beckerellis Inventar gehörten. (Bild: Urs Bucher)

Rico Leitner nimmt das zwei Meter lange Seil, schneidet es entzwei, knüpft es wieder zusammen, murmelt eine beschwörende Formel, und schon ist der Strick wieder ganz. Und dies vor gegen hundert Augenpaaren, die ihn im Stadthaus wie Sperber beobachten. Doch weder beim Seiltrick kommt man dem Zauberer auf die Schliche noch bei den Tüchlein, die er aus einem leeren, durchsichtigen Glaskästchen zaubert. Noch weniger bei der roten Billardkugel, die sich zunächst in nichts auflöst, um sich wenig später in einem zuvor leeren Kelch wieder finden zu lassen.

Etwa so habe einst Professor Jean Beckerelli das Publikum unterhalten, sagt Rico Leitner, der St. Galler Zauberkünstler. In ausgedehnten Recherchen ist er der Figur des legendenumwobenen Magiers nachgegangen, hat ungezählte Zeitungsseiten durchgeblättert, um herauszufinden, warum der geborene Kölner in St. Gallen heimisch wurde.

Rico Leitners Recherche

Das Ergebnis seiner Recherchen stellte Rico Leitner beim Vortrag vor, der die Reihe «Stadtgeschichte im Stadthaus 2010/ 2011» abschloss. Und während Rico Leitner sprach und zauberte, da schien es, als ob Beckerelli selbst für kurze Zeit aufgetaucht wäre und ein Gastspiel aus dem Jenseits geben würde.

Bei diesem Inbegriff eines Magiers war das ganze Leben mit Zauberei umgeben. «Er zauberte nicht bloss auf der Bühne – er zauberte, wo er stand und ging. Auf der Strasse fischte er im Vorbeigehen einem Bekannten eine Zigarre aus der Tasche, um sie mit breitem Lachen sogleich anzuzünden. Den Kindern zog er Fünfliber und Goldstücke aus der Nase. Betrat er eine Wirtschaft, dann ging es nicht lange, und es mussten Jasskarten her», so schilderte ihn ein Freund bei der Gedenkveranstaltung von 1953.

Bei ihm waren selbst Name und Titel illusionistisch angehaucht. Denn Beckerelli hiess in Wirklichkeit Becker, und auch zum Professorentitel kam er wie durch Zauberei.

Magie versus Technik

Becker/Beckerelli lebte in einer Zeit, in der die technische Revolution ihren Höhepunkt erreichte. Die Arbeitswelt war rationalisiert, die Natur beherrschbar, der Mensch berechenbar geworden. Allein noch die Zauberer erinnerten an die Zeit, als noch keine Flugzeuge, sondern Hexenbesen durch die Lüfte flogen. Und je rascher sich die Maschinen drehten, Räder und Menschen um die Wette spulten, umso beliebter waren die Abende, an denen der Zauberer «eine Brücke baute von dieser Welt des Seins in die höchst geheimnisvolle des Scheins» – so beschrieb das «Bündner Volksblatt» 1931 einen Beckerelli-Abend.

«Hofkünstler»

Der Lebenslauf von Jean Beckerelli war abwechslungsreich und geradlinig zugleich. Als er als junger Bursche beim Auftauchen einer Schwiegermutter zu Hause ausriss, half er sich zunächst mit der Vorführung von Zaubertricks, kam bald zu verschiedenen Variété-Gruppen, trat an Königshöfen auf, was ihm den Titel «Hofkünstler» einbrachte.

Seit dem Ersten Weltkrieg arbeitete er von St. Gallen aus, wo er bei verschiedensten Anlässen auftrat. Weder Krieg noch Wirtschafts-Crash konnten ihm etwas anhaben. Denn nichts erwies sich so krisenfest als die Kunst der Illusionisten.

Was in St. Gallen zählt

Der Nachruf erklärt in einem Satz, warum der Künstler so beliebt war: «Der Magier hiess Beckerelli und war ein volkstümlicher Mann…» Dies zeigt, was in St. Gallen zählt: die Kombination von Magie und Volksverbundenheit. Titel wie Professor oder Hofkünstler sind die eine Voraussetzung, volksnahe Bescheidenheit die andere – wer beides zusammen besitzt, wird beinahe so unvergesslich wie Beckerelli selbst.

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