Baukultur ist nicht gefährdet

Aus Architektenkreisen heisst es, für viele Bauherren sei Profitmaximierung wichtiger als städtebauliche Qualität. Sie befürchten eine Schwächung der Baukultur. Die Verantwortlichen bei der Stadt teilen diese Befürchtungen nicht.

David Gadze
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Das Bürogebäude «St. Leopard» dient vielen als Beispiel für mangelhafte städtebauliche Qualität. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Das Bürogebäude «St. Leopard» dient vielen als Beispiel für mangelhafte städtebauliche Qualität. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Entwicklungen wie beispielsweise im Gebiet Bahnhof Nord haben dazu geführt, dass Stadtentwicklung und Baukultur in der Stadt St. Gallen so kontrovers diskutiert werden wie schon lange nicht mehr. Aus Architekturkreisen ist nun zu hören, dass das Bewusstsein vieler privater Bauherren für die architektonische und städtebauliche Qualität von Neubauten immer öfter in den Hintergrund rücke (Tagblatt vom 31. Dezember 2014). Die Profitmaximierung stehe im Zentrum.

Gute Baukultur sichergestellt

Stadträtin Patrizia Adam betont, dass die Baubewilligungskommission oder der Sachverständigenrat Überbauungs- und Gestaltungspläne auch nach architektonischen und städtebaulichen Kriterien beurteilen. Dadurch sei eine gute Baukultur sichergestellt. Bei Projekten, die in Regelbauweise erstellt würden, sei eine Verbesserung der Baukultur aber nur in bestimmten Gebieten möglich, etwa bei solchen mit geschütztem Ortsbild. «Für den Grossteil der Stadt gilt jedoch, dass Projekte aus gestalterischen Gründen nur dann abgelehnt werden dürfen, wenn sie das Verunstaltungsverbot verletzen», sagt Adam. Das komme aber praktisch nie vor.

Auch Ernst Michel dementiert, dass eine solche Entwicklung stattfinde. «Es gibt durchaus Bauherren und Investoren, die von sich aus Wettbewerbe für ihre Projekte durchführen und nach guten städtebaulichen Lösungen suchen», sagt der Leiter des Amtes für Baubewilligungen. Bauherren, die so schnell und so günstig wie möglich bauen möchten, habe es schon immer gegeben. Die Qualität der Bauprojekte sinke deshalb nicht zwangsweise – auch dank der Baubewilligungskommission.

Ein Sechstel wird abgelehnt

Ein Blick in die Zahlen zeigt, dass im vergangenen Jahr rund ein Sechstel der Baugesuche, welche die Baubewilligungskommission beurteilte, nicht bewilligt werden konnten. Diese Quote sei in den vergangenen Jahren etwa konstant, sagt Michel. Eines der prominentesten Beispiele war das geplante Alterszentrum im Riethüsli, dem unter anderem wegen städtebaulicher und gestalterischer Mängel die Baubewilligung verweigert wurde. Die Bauherrschaft hat gegen den Entscheid inzwischen Rekurs erhoben.

Dass es viele Bauherren gebe, die zu einer Zusammenarbeit mit den Bewilligungsbehörden bei der Planung von Projekten bereit seien, zeige die Zahl der Vorverfahren, sagt Michel. Diese sei 2014 wieder auf das Niveau von 2011 und 2012 angestiegen mit 29 beziehungsweise 24 Vorverfahren (bei 690 respektive 662 Baugesuchen).

Bauen als öffentlicher Akt

Stadtbaumeister Erol Doguoglu teilt die Einschätzung der Architekten teilweise. «Es gibt immer noch Bauherren, die Bauen nicht bloss als Finanzanlage verstehen, sondern auch einen gesellschaftlichen Beitrag damit verknüpfen.» Für viele stehe dieser Beitrag jedoch nicht im Vordergrund. Diese Entwicklung, die nicht nur in St. Gallen zu beobachten sei, sei aber bedauerlich. Denn auch wenn auf privatem Grund gebaut werde, bleibe Bauen immer ein öffentlicher Akt. «Wenn man Raum beansprucht, übernimmt man damit auch eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit.»

Die Politik ist in der Pflicht

Doguoglu nimmt auch die Politik – Legislative wie Exekutive – in die Pflicht. Sie müsse auch in Zeiten knapper Finanzen dafür einstehen, dass der Spardruck nicht einseitig auf Kosten baukultureller Werte gehe. Denn gerade was die Finanzierung grösserer städtischer Bauvorhaben betreffe, habe in den vergangenen Jahren ein Kulturwandel stattgefunden. Man wolle zwar alles bauen, aber möglichst wenig Geld dafür ausgeben. «Gute Baukultur ist aber nicht in erster Linie eine Frage der finanziellen Möglichkeiten, sondern der Haltung.» Architekten könnten auch mit beschränktem Budget gute Bauten erstellen. «Zaubern können sie jedoch nicht. Deshalb ist der Verzicht manchmal besser als eine schlechte Realisierung.»