Bauern zwischen Bäumen und Prozessen

OBERSTEINACH. Die Bauernfamilie Dudler will ein neues Wohnhaus bauen. Sie hat ein bewilligtes Baugesuch, ein Rekurs verhindert den Baustart. Der aktuelle Entscheid entspreche nicht den geltenden gesetzlichen Grundlagen, sagt der Bauernverband.

Regula Weik
Drucken
Teilen
Das Ehepaar Gisela und Rainer Dudler. (Bild: Benjamin Manser)

Das Ehepaar Gisela und Rainer Dudler. (Bild: Benjamin Manser)

Gisela und Rainer Dudler sitzen am langen Tisch in ihrer Wohnstube. Vor ihnen türmen sich Berge von Papier. «Die ganze Geschichte füllt inzwischen ein Dutzend Bundesordner», sagt Rainer Dudler. Der Obstbauer schüttelt den Kopf. Die Bauernfamilie möchte ein neues Wohnhaus bauen – vier Jahre sind seit der ersten Baueingabe verstrichen, und noch immer kann kein Bagger auffahren.

Das Ehepaar Gisela und Rainer Dudler. (Bild: Benjamin Manser)

Das Ehepaar Gisela und Rainer Dudler. (Bild: Benjamin Manser)

Rekurs wird geschützt

Einsprache, Projektanpassung, erneute Einsprache, erneute Projektanpassung. So zieht sich das Bauvorhaben der Bauernfamilie bereits seit längerem hin. Dann eine Gesetzesänderung auf Bundesebene, wesentlich ausgelöst durch eine Standesinitiative des Kantons St. Gallen; das neue Gesetz – es gilt seit November 2012 – regelt die Bestandesgarantie von Wohnbauten ausserhalb der Bauzone. Dudlers passen noch einmal ihre Pläne an – und hoffen erneut. Zu Recht. Die Gemeinde Steinach prüft ihr Baugesuch und bewilligt es. Und auch das kantonale Amt für Raumentwicklung und Geoinformation beurteilt ihr Vorhaben positiv.

Die Bauernfamilie atmet auf; endlich hat sie ein bewilligtes Baugesuch auf dem Stubentisch liegen. Ihre Vorfreude auf das neue Haus ist von kurzer Dauer. Der WWF St. Gallen-Appenzell erhebt Rekurs beim Baudepartement; der Umweltverband hatte bereits in den Jahren zuvor mehrmals Einsprache gegen die Baupläne der Familie erhoben, aus verschiedenen Gründen. Als Obstbauern, hielt der Verband der Familie schon vor, müssten sie nicht zwingend direkt neben den Bäumen wohnen.

Der Rechtsdienst des Baudepartements schützt den Rekurs des WWF – «ohne sich an Ort ein Bild von der Situation gemacht zu haben», ärgert sich Gisela Dudler. Und: «Der Entscheid lässt alles offen. Er enthält nicht einmal die Andeutung eines Lösungsansatzes.» Auf die Frage, was ihnen nun noch bleibe, sagt ihr Mann: «Aufhören zu bauern, dann könnten wir nach Gesetz problemlos einen Neubau erstellen. Oder zu prozessieren.»

Frostsichere Lage

Dudlers Betrieb ist nicht übermässig gross. Elf Hektaren sind es, ausschliesslich Obstplantagen. Das war nicht immer so. Von 1900 bis 1968 wurde auf dem Hof Milchwirtschaft betrieben, dazu etwas Tafelobst, etwas Mostobst. Dann wurde auf Tafelobst, Niederstammkulturen, und Schweinemast umgestellt. Schweine leben schon länger keine mehr auf dem Hof. Dudlers betreiben heute Intensivobstbau. Ihre Äpfel wachsen 60 Höhenmeter über dem Bodensee – «das Klima ist ausgeglichen, die Lage frostsicher», sagt der Landwirt. Und dank der Kühlhäuser bleibe «ein grosser Teil der Wertschöpfung» auf dem Betrieb.

«Die Geschichte unseres Betriebs zeigt den Strukturwandel, den die Landwirtschaft in den letzten 50 Jahren erlebt hat», sagt Dudler. Er schaut aus dem Fenster. «Die Umweltschützer sähen vermutlich lieber Hochstämmer. Intensiver Obstbau, wie wir ihn betreiben, ist ihnen ein rotes Tuch.» Dann fügt er an: «Konsumentinnen und Konsument kaufen heute gerne einheimische Produkte – vorausgesetzt, die Qualität und der Preis stimmen.» Der Einkaufstourismus für Lebensmittel sei Realität und mache vor der Landwirtschaft nicht halt. Dudlers Betrieb ist einer der grössten Produzenten von Tafelobst im Kanton.

Gezügeltes Schulhaus

Dudlers Wohnhaus hat eine spezielle Geschichte. Die Urgrossmutter von Rainer Dudler hatte das Haus vor 108 Jahren gekauft und nach Obersteinach gezügelt; es war zuvor in Untereggen als Schulhaus genutzt worden. «Das Haus ist energetisch eine Katastrophe. Es ist schlecht isoliert, hinzu kommen eine über 40jährige Ölheizung und drei Elektroboiler.» Nun möchte die Familie die betrieblich genutzten Räume und den Wohnraum in einem Gebäude zusammenzuführen. Sie plant einen modernen, terrassenförmigen Neubau – Holzbauweise, Minergie, Erdwärme. «Das müsste doch im Sinne eines Umweltverbandes sein», spielt Dudler auf die Kritik des WWF an.

Der Rechtsdienst des Baudepartements führt in seinem Entscheid durchschnittliche Wohnflächen an – als generellen Massstab. Der geplante Neubau der Bauernfamilie übersteigt diese; er ist auch grösser als das bestehende Haus, 166 Kubikmeter sind es mehr. Das heutige Wohngebäude sei mit 1639 Kubikmetern grosszügig; weshalb dieses Volumen noch erweitert werden müsse, sei «weder begründet noch nachvollziehbar».

«Wir wissen nun definitiv nicht mehr, welche gesetzlichen Grundlagen gelten», sagt Gisela Dudler. «Ist es die Bestandesgarantie oder sind es die durchschnittlichen Wohnflächen?»

Bauernverband ärgert sich

Rückendeckung erhält die Familie vom St. Galler Bauernverband. Die Antwort des Rechtsdiensts sei «unhaltbar», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des Verbandes. Die Argumentation durchschnittlicher Wohnflächen sei «gesetzeswidrig»; für die Bauernfamilie gelte ganz klar die Bestandesgarantie. «Wohnhäuser ausserhalb der Bauzone dürfen unabhängig von landwirtschaftlicher Nutzung saniert, abgebrochen und wieder aufgebaut werden», sagt Widmer.

Dudlers haben Beschwerde ans Verwaltungsgericht erhoben. Sollte das Gericht den Entscheid des Rechtsdienstes schützen, würde damit ein Präjudiz geschaffen, sagt Widmer. «Damit würden produzierende Landwirte gegenüber Nichtlandwirten benachteiligt.» Verbandspräsident Peter Nüesch ergänzt: «Ausserhalb der Bauzone ist jeder Fall ein Spezialfall.» Es sollte aber immer möglich sein, bei Bauvorhaben die betrieblichen Abläufe anzupassen und zu optimieren.

Was sagt Bauchef und Regierungsrat Willi Haag zur Tatsache, dass zwei Abteilungen seines Departements, das Amt für Raumentwicklung und Geoinformation und der Rechtsdienst, dasselbe Bauvorhaben unterschiedlich beurteilen? Das Amt für Raumentwicklung suche an Ort Lösungen, wäge die Argumente der Parteien ab und habe «einen gewissen Interpretationsspielraum». Anders der Rechtsdienst, er habe als Rekursinstanz die Fälle «sachlich, neutral und unabhängig» zu beurteilen – konsequent nach Bundesrecht. «Da kann es schon einmal zu einer unterschiedlichen Beurteilung kommen. Ihre Aufgaben sind nicht dieselben.»

Das Amt für Raumentwicklung und Geoinformation prüfe jährlich 1600 Fälle von Bauvorhaben ausserhalb der Bauzone; 85 Prozent würden bewilligt. Das Bundesrecht unterscheide aktive Landwirte und Nichtlandwirte, sagt Bauchef Haag. Und weiter: «Alle Gesuchsteller haben Anspruch auf Besitzstand und auf ein gewisses Volumen mehr Raum – wenn damit ein zeitgemässes Wohnen und eine energetische Sanierung ermöglicht werden und sich die Baute in die Umgebung einfügt.»

«Eine messbare Grösse»

Und was hat es mit der durchschnittlichen Wohnfläche auf sich? Er habe «in Einzelfällen» die unterschiedlichen Resultate des Amtes für Raumentwicklung und des Rechtsdienstes nicht klar einordnen können. Er habe deshalb eine messbare Grösse gewünscht, die gegenüber Nutzern – «ihr klemmt alles ab» – und gegenüber Umweltverbänden – «ihr lasst alles zu» – konsequent vertreten werden könne, sagt Haag. Für diese «Limiten» zeitgemässer Wohnflächen, die im übrigen keineswegs kleinlich bemessen seien, habe es auch Lob gegeben – von Planern und Architekten, die nun klare Massstäbe hätten.

Konkret zum Fall Dudler kann sich der Bauchef nicht äussern; der Entscheid sei noch nicht rechtskräftig. Nur so viel: «Es ist eine ganz spezielle Situation, ein extremer Einzelfall.» Allgemein gelte aber: «Wir blockieren und verhindern aktive Bauern nicht.»

Das heutige Wohnhaus der Familie Dudler – inmitten der Obstplantagen, hoch über dem Bodensee gelegen. (Bilder: Benjamin Manser)

Das heutige Wohnhaus der Familie Dudler – inmitten der Obstplantagen, hoch über dem Bodensee gelegen. (Bilder: Benjamin Manser)

Aktuelle Nachrichten