Basteln für eine Fahrt im Rettungswagen

Draufgeschaut

Janina Gehrig
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Malen, Dichten, Basteln, Filmen, Nähen, Kleben . . . deiner Fantasie und Kreativität sind keine Grenzen gesetzt! Was wie der Beschrieb eines Sommerplausch-Kurses für Schulkinder tönt, ist ein Wettbewerb, den das Spital Rorschach zusammen mit der Quartierkoordination der Stadt Rorschach lanciert hat. Alle Interessierten der Region, «vom Kindergartenkind bis zum Senior» sollen bis am 3. Juli ein Werk unter dem Titel «Mein Traumspital» gestalten. Dieses werde ausgestellt und sogar prämiert, heisst es viel versprechend.

Super! Endlich lässt man die Bevölkerung statt irgendwelche Architekturbüros aus Dänemark mitreden, wenn es um die Neugestaltung von Spitälern und deren Areale geht. Doch weit gefehlt. Zwar werden viele Spitäler saniert, in St. Gallen, Grabs oder Wattwil etwa, nicht aber in Rorschach. «Hier wird in näherer Zukunft nicht gebaut», bestätigt Philipp Lutz, Medienbeauftragter des Kantonsspitals St. Gallen. Aha. Warum dann der Wettbewerb, die Suche nach dem perfekten Spital? Sind die Patienten unzufrieden? Oder weiss man es nicht so recht, weil die Putzfrau den Stapel an ausgefüllten Patientenumfragen versehentlich in den Schredder gekippt hat?

«Der Wettbewerb soll die Bevölkerung anregen, Wünsche und Träume zum Spital zu formulieren», sagt Lutz. Man freue sich, wenn Ideen entständen. Daraus grosse Visionen abzuleiten, sei jedoch nicht der Anspruch des Projekts.

Übers Spital nachdenken also. Der Wettbewerb als spirituelle Aktion. Wir werden daran erinnert, dass da neben Brockenstuben, Dö­nerbuden und Glacéständen auch noch ein Spital in der Stadt steht und wir in einem der 81 Bet­ten am Tropf hängen könnten, statt die Streusel vom Cornet zu schlecken. Wir sollten dankbar sein für jeden Tag, an dem uns die Ambulanz nicht mit Blaulicht einliefern muss!

Doch wir liegen erneut falsch. Denn ein Wettbewerb wäre kein Wettbewerb, wenn nicht etwas auf dem Spiel stehen würde. Und so ist es auch bei «Mein Traumspital»: «Tolle Preise zu gewinnen!», verspricht der Flyer. Was denn? Eine Woche im Ein-Bett-Zimmer mit Seesicht? Eine Rollstuhlfahrt? Eine Sitzung Laser gegen Krampfadern, so zum Sommerauftakt? Lutz räuspert sich. Der Wettbewerb sei natürlich eher auf Kinder ausgerichtet (dass das Kinderspital in St. Gallen liegt, tut nichts zur Sache). Die tollen Preise? So genau wisse man es noch nicht. «Vielleicht eine Fahrt im Rettungsfahrzeug», lässt er sich dann doch noch entlocken.

Also los! Malen, Dichten, Zeichnen, Kleben! Und wer beim Wort «Traumspital» eine akute Amnesie oder eine Bastelblockade erleidet und von nächtlichen Albträumen heimgesucht wird, dem sei nach wie vor der Sommerplausch zu empfehlen. Dort kann man statt ein Krankenhaus ein Stiftehalter-Monster oder eine Loch-Kamera aus einer Schuhschachtel basteln. Da weiss man wenigstens, was man hat.

Janina Gehrig

janina.gehrig

@tagblatt.ch