Bankier und Mäzen mit Tatkraft und grossem Herzen

Nachruf

Patrick Stach
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Heinrich Thorbecke (1936–2017). (Bild: Michel Canonica (27.11.2012))

Heinrich Thorbecke (1936–2017). (Bild: Michel Canonica (27.11.2012))

Hätte Heinrich Thorbecke nach seiner Banklehre im Bankinstitut Trinkaus & Burkhardt AG in Düsseldorf den Ratschlag der Schlagersängerin Dorthe Kollo («Wärst Du doch in Düsseldorf geblieben», 1968) befolgt und wäre tatsächlich in Düsseldorf geblieben, St. Gallen wäre im wahrsten Sinn des Wortes ein ganzes Stück ärmer.

Im Jahre 1973 gründete Heinrich Thorbecke seine eigene Bank in Herisau. Sein Start im alten Wetterhaus in Herisau sollte schlussendlich zum Lackmustest werden. Er war bekannt dafür, sich schon damals viel Zeit für seine Kunden zu nehmen. Als die Bank nach St. Gallen dislozierte, beschäftigte sie knapp 20 Mitarbeiter. Heinrich Thorbecke war Erbe des Deutschen Persil-Waschmittel-Pioniers Fritz Henkel, welcher den Henkel-Chemiekonzern gegründet hatte. Obschon jedes Jahr von der «Bi­­lanz» unter den 300 Reichsten der Schweiz aufgeführt, wurde er erst im Jahre 1993 in der Region St. Gallen richtig bekannt. Er startete mit der Übernahme des Hauptsponsorings für den renommierten Handballverein TSV St. Otmar. Als Bankier stellte er schon damals den Anspruch an die leitenden Organe des Traditionsclubs, den Verein transparent und finanziell nicht ins Abseits zu führen. In den erfolgreichen Zeiten des TSV St. Otmar (Pokalsieger und Schweizer Meister) fiel er dem zahlreichen Publikum auch dadurch auf, dass er jeweils mit einer roten Tröte die Heimmannschaft anfeuerte und so für ausgelassene Stimmung sorgte.

Helfen, unterstützen, fördern – das waren bei Heinrich Thorbecke mehr als nur Phrasen. Dies hatte er in den letzten Jahrzehnten zigfach bewiesen. Doch obschon er Gönner, Sponsor, Stiftungsrat, Gründer, Unternehmer und noch einiges anderes mehr war, spürte man bei ihm nie eine Attitüde des Grossspurigen, des Wichtigtuers. Dies entsprach nicht seinem Charakter. Aber wer bei Hilfestellungen an egoistischen Eigennutzen dachte, musste besser nicht bei ihm vorsprechen. Denn sein inneres Gefühl wurde zwar angetrieben von einem grossen Herzen, ebenso sehr aber von einem wachen Verstand. Fairness, Zielstrebigkeit und die Konsequenz des Handelns waren Charaktermerk­male, die ihn auszeichneten.

 

In der Rückblende einen roten Faden zu spinnen, der die unzähligen, teilweise vergessenen Aktivitäten Heinrich Thorbeckes auflistet, würde den Platz sprengen. Einige Eckpfeiler aber sollen schon eingepflanzt werden. Denn Heinrich Thorbecke verdient wohl mehr als nur einige Wimpernschläge lang uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Nicht die Selbstdarstellung war ihm wichtig, sondern die Überzeugung, etwas Gutes, Notwendiges, Richtiges zu tun. Heinrich Thorbecke hat für die Stadt St. Gallen, aber auch für die ganze Region ausserordentlich viel geleistet und bezahlt: Er war Gründer und Ehrenpräsident der Stiftung Sitterhöfli, Gründer der Hai-Stiftung, Unterstützer der Invalida, der Stiftung Musik und Theater, Gründer des Erkerpreises, der Juniorenabteilung des TSV St. Otmar und Beteiligter an unzähligen gemeinnützigen Institutionen und noch vieles mehr. Gefragt, was er denn mit einer Million Schweizerfranken pro Jahr machen würde, antwortete er lachend: «Da müsste ich mich wohl sehr einschränken.» Sein soziales, gesellschaftliches und finanzielles Engagement war nämlich deutlich grosszügiger. Im Jahre 2007 kaufte Heinrich Thorbecke mit seiner Ehefrau Gabi die 170 Jahre alte Heilstätte der Baldegger Schwestern und baute für einen stolzen Betrag das Kurhotel mit Privatklinik Oberwaid. Das Ehepaar legte darauf Wert, dass die «Oberwaid» den Ruf St. Gallens als Spital- und Gesundheitszentrum stärkte und den Tourismus in der Region förderte. Heinrich Thorbecke war Ehrenmitglied vieler Sport- und kultureller Vereine. Ganz besonders stolz war er auch als Ehrenmitglied des TSV St. Otmar und des Clubs 2000. Mit Freunden pflegte er das Skatspiel, den samstäglichen Otmar-Stamm, den Walhalla-Stamm und einiges mehr.

 

Müsste man ein Plakat für Heinrich Thorbecke aufhängen, so müsste darauf stehen: «Das sinnvolle Tun». Denn sein Lebenswerk hatte viel mit dem Sinn und dem Tun zu tun. Als Unternehmer, Aufsichts- und Stiftungsrat, Sport- und Kulturförderer war er das lebendige Metronom der Stadt St. Gallen. Seine Initialen waren für viele Institutionen Garantien von unschätzbarem Wert. «H» stand für Helfen, «T» für Tatkraft und Treue. Am Samstagmorgen, dem 28. Januar, ist Heinrich Thorbecke in seinem 81. Lebensjahr an einem Herzschlag gestorben.

Patrick Stach

Rechtsanwalt, St. Gallen