Autos sind nie Schrott

In Gossau gibt es einen der grössten Autoersatzteilhändler der Schweiz, die Auto Moderne AG. Gebrauchtwagen und Unfallautos werden dort in ihre Einzelteile zerlegt. Ein umweltfreundliches Geschäft – sogar Vögel und Füchse profitieren.

Sebastian Schneider
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Auf dem Autofriedhof der Auto Moderne AG in Gossau stapeln sich etwa 400 Unfallautos. (Bilder: Urs Bucher)

Auf dem Autofriedhof der Auto Moderne AG in Gossau stapeln sich etwa 400 Unfallautos. (Bilder: Urs Bucher)

GOSSAU. Felgen, Vergaser, Anlasser, Kühler, Kardanwellen, Benzinpumpen. Autoteile ohne Ende gibt es im Lager der Auto Moderne AG im Westen Gossaus. «Ein Auto besteht aus etwa 2200 grösseren Einzelteilen», erklärt Walter Frauenknecht, der in dritter Generation den Familienbetrieb führt. Von den meisten dieser Teile hat die Firma gleich mehrere. So zum Beispiel 1300 Motoren oder 2800 Autotüren. Insgesamt lagern in den Regalen circa 50 000 Ersatzteile für Personenwagen jeder Marke.

Jedem Teil seinen Platz

Die Gänge in den zweistöckigen Lagern scheinen endlos. Doch Frauenknecht und seine zehn Mitarbeiter haben selbstverständlich den Überblick. «Dass wir ein Teil nicht finden, kommt so gut wie nie vor», sagt er. Die Lagerplätze sind alle benannt, und jedes Ersatzstück ist mit einer Etikette versehen. Die darauf stehenden Informationen sind in einer Datenbank abgelegt, die die Gossauer Firma selber entwickelt hat. Da es für dieses Nischengeschäft keine geeignete Software gab, hatte die Firma kurzerhand eine eigene entwickelt. Heute kaufen andere Recycling-Firmen diese Datenbank. «Ein Nebengeschäft.»

Wichtig sind die Ersatzteile selber. Sie stammen von gebrauchten oder verunfallten Autos. «Wenn jemand sein Auto loswerden will, kann er es hierher bringen», sagt Frauenknecht. Ob der Autobesitzer etwas für seinen Wagen erhält, ist Sache von Abklärungen. Je nach Automarke und Nachfrage könne es sein, dass der Autofahrer auch etwas fürs Entsorgen zahlen müsse.

Bei diesem Handel widerspiegelt sich der Wohlstand in der Schweiz: «Im Durchschnitt ist ein Auto, das bei uns abgegeben wird, nur 13 Jahre alt. In Schweden etwa liegt dieser Wert bei 25 Jahren, in Polen ist er nochmals weit höher.»

Auch Unfallautos sind wichtig für das Geschäft, denn meistens stecken in ihnen modernere Teile. Mehrere Stunden am Tag verfolgt Frauenknecht Auktionen im Internet. Er ist ein fleissiger Käufer. Etwa viermal pro Tag kauft er ein kaputtes Auto und zahlt dafür durchschnittlich 2000 Franken. Die meisten Autos – etwa 400 – lagern eine Weile auf dem Platz vor der Halle. Später, beim Zerlegen, werden die Einzelteile geprüft, identifiziert und beschriftet. Was nicht gebraucht werden kann, geht weiter zu Firmen, die Aluminium, Kupfer, Guss, Leder und Glas voneinander trennen. «Bei Autos gibt es wenig Abfall», sagt Frauenknecht. Nur etwa 15 Prozent eines Autos kommen in spezielle Verbrennungsanlagen. Danach wird auch die Schlacke behandelt, um nochmals wertvolle Rohstoffe auszusondern.

Die meisten Kunden der Auto Moderne AG sind Garagisten. Dank einer guten Vernetzung der Schweizer Recycler könne fast jeder Wunsch erfüllt werden. Einen regen Informationsaustausch gibt es nicht zuletzt dank Frauenknecht selber. Er war bei der Gründung der Dachvereinigung Vasso dabei, die er 27 Jahre lang präsidierte.

Autofriedhof als Lebensraum

Frauenknechts Grossvater begann bereits 1923, als es noch eine Handvoll Autotypen von einer Handvoll Autoherstellern gab, mit dem Ersatzteilhandel. Damals in St. Gallen-Winkeln. 1977 zügelte die Firma in einen Neubau nach Gossau – direkt neben das Naturschutzgebiet Eichenmoos. Es komme immer wieder vor, dass sich Vögel in Unfallautos einnisten. Und auch ein Fuchs habe ein Jahr lang in einem roten Toyota gelebt. Dies sei doch ein «gutes Omen» für ein umweltfreundliches Geschäft, sagt Frauenknecht augenzwinkernd.

Auch in diesem entstellten Mercedes stecken wertvolle Einzelteile. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Auch in diesem entstellten Mercedes stecken wertvolle Einzelteile. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Geschäftsführer Walter Frauenknecht im Ersatzteillager. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Geschäftsführer Walter Frauenknecht im Ersatzteillager. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))