AUSTAUSCH: Keine Chance bei Dialekt

Die Mongolei und die Schweiz haben wenig gemeinsam. Zwei angehende Lehrerinnen aus dem Osten Asiens studieren derzeit an der Pädagogischen Hochschule: Über Schwierigkeiten und Freuden der neuen Heimat.

Jolanda Riedener
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Fühlen sich wohl in Rorschach: Nomun Batbold und Anu Mandalbayer vor dem Hochschulgebäude Mariaberg. (Bild: Jolanda Riedener)

Fühlen sich wohl in Rorschach: Nomun Batbold und Anu Mandalbayer vor dem Hochschulgebäude Mariaberg. (Bild: Jolanda Riedener)

Jolanda Riedener

jolanda.riedener@tagblatt.ch

Eigentlich sei in der Schweiz alles etwa so, wie sie es sich vorgestellt hätten. Nomun Batbold und Anu Mandalbayer kommen aus der Mongolei. Die Fläche der Schweiz hätte 37-mal Platz in diesem grossen Land. Dennoch wohnen nur etwas mehr als drei Millionen Menschen dort. Beinahe die Hälfte wohnt in der Hauptstadt Ulan-Bator.

Während eines Jahres besuchen die beiden Austauschstudentinnen die Pädagogische Hochschule St. Gallen (PHSG) in Rorschach. Die jungen Frauen kichern, als sie von sich zu erzählen beginnen. Die vielen Zugverbindungen seien toll, fällt den beiden als Erstes auf. In den grossen Städten der Mongolei habe jeder ein Auto oder fahre mit dem Bus.

Jedes Jahr nimmt der Verein Pro Mongolia, der sich von Spendengeldern finanziert, sieben Studentinnen in der Schweiz auf. Die angehenden Lehrerinnen wohnen während ihrer Zeit in der Schweiz bei Gastfamilien. Anu Mandalbayer ist 22 Jahre alt und wohnt in Staad. Die 21-jährige Nomun Batbold wohnt in Abtwil beim Präsidenten des Vereins Pro Mongolia, Robert Scherrer, und seiner Frau. Seit rund zehn Jahren nehmen Scherrers Austauschstudentinnen bei sich auf. Von der Mongolei, die sie schon mehrmals bereist haben, sei er fasziniert: «Ruhe und Landschaft sind einmalig.» Angefangen habe alles mit einer Patenschaft zu einem mongolischen Kind im Rahmen eines Hilfswerkprojekts.

Schwierige erste Tage

In ihrer Heimat studierten die Austauschschülerinnen bereits zwei Jahre Deutsch. Am Goethe-Institut haben sich die beiden Frauen für ein Austauschsemester beworben, auf Empfehlung der Universität. Ausgewählt worden sind die Studentinnen auch, weil sie eher ländlich aufgewachsen sind und noch nie im Ausland waren. In Rorschach besuchen Nomun Batbold und Anu Mandalbayer den regulären Unterricht: Vor allem in den ersten Wochen eine Herausforderung. Auch ein Praktikum in einer Primarschulklasse gehört zur Ausbildung.

Lehrerin werden, am liebsten an einer Uni, das ist ihr Ziel. 90 Prozent der Mongolinnen und Mongolen würden nach der regulären Schulzeit von zwölf Jahren eine Ausbildung an der Universität besuchen. «Meine Mutter ist Lehrerin. Sie ist mein Vorbild», sagt Batbold. Der Beruf liegt auch in Anu Mandalbayers Familie.

«Die ersten Wochen waren hart», sind sich die beiden einig. Viele neue Begriffe hätten sie lernen müssen. Ihre Worte wählen sie sorgfältig, überlegen erst, bevor sie den nächsten Satz aussprechen. Dialekt verstehen sie nicht.

Während der ersten zwei Monate in der Schweiz haben sie schon einiges von der Ostschweiz gesehen: Kloster, Altstadt, Textilmuseum, Appenzell, Säntis und Rheinfall. «Alles ist so schön grün hier», sagt Mandalbayer. In ihrer Heimat sei es oft trocken, im Winter mit bis zu minus 45 Grad sehr kalt und im Sommer mit beinahe denselben Werten im positiven Bereich, besonders heiss.

An den Wochenenden machen die Austauschstudentinnen gemeinsam Ausflüge. Von ihrer Gastfamilie – die schon jetzt wie eine richtige Familie für sie sei – hat Nomun Batbold ein Buch erhalten: «100 Orte der Schweiz, die man sehen muss». Sie will sie alle sehen. «Ich möchte unbedingt Luzern oder Grindelwald besuchen», ergänzt Mandalbayer, von den Bergen und Wäldern angetan.

Freude am Werken und Musizieren

Gitarrenspielen lernen oder den Werkunterricht besuchen ist für die beiden eine neue Bereicherung: In der Mongolei sind das keine Pflichtfächer. Anu Mandalbayer macht das Gitarrenspielen besonders spass: «Nur die Finger tun mir weh», sagt sie und lacht. Ausserdem singe sie gerne und möchte bald einmal ein Konzert in Zürich besuchen. Ihre Familien vermissen die beiden aber jetzt schon: «Wir chatten regelmässig via Skype», sagt Batbold.