AUSSTELLUNG: Das Gemeindegedächtnis – Arthur Dietrich sammelte Erinnerungen von 100 Mörschwilern

Im Gemeindehaus sind historische Bilder des Dorfes zu sehen. Anlass ist die Arbeit von Arthur Dietrich: In zehn Jahren hat er mit 100 Mörschwilern über die Vergangenheit gesprochen.

Adrian Lemmenmeier
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Die letzte Müllabfuhr mit Pferdefuhrwerk, aufgenommen 1973. (Bild: PD)

Die letzte Müllabfuhr mit Pferdefuhrwerk, aufgenommen 1973. (Bild: PD)

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

«Was, Sie haben ein Haus in Mörschwil gekauft? Das werden Sie ja nie wieder los!» Gelächter schallt durchs Gemeindehaus, als Arthur Dietrich diese Anekdote zum Besten gibt. Erzählt hat sie ihm ein alter Mann, der sich Ende der 1940er Jahre in Mörschwil niedergelassen hatte. Es ist eine von vielen Erzählungen, die Dietrich in den letzten Jahren gehört hat. Gut 100 Interviews hat der pensionierte Lehrer zwischen 2002 und 2012 mit betagten Mörschwilerinnen und Mörschwilern durchgeführt und kurze Geschichten zusammengestellt. Das Resultat seiner Arbeit liegt stapelweise neben belegten Brötchen im Gemeindehaus auf dem Tisch: Eine Broschüre mit 52 Geschichten. «Wie war es denn früher in Mörschwil?», heisst sie.

Etwa vierzig Leute sind an diesem Mittwochabend gekommen. Nicht nur, um die Broschüre abzuholen, auch um Dietrichs Fotoausstellung zu sehen, die bis am 9. Mai läuft. An Stellwänden hängen Aufnahmen von früher – als der Müll noch mit einem Pferdefuhrwerk abgeholt wurde, als noch 40 Kinder in einer Schulklasse waren, und im Freihof noch Bier gebraut wurde.

Die letzte Müllabfuhr mit Pferdefuhrwerk, aufgenommen 1973. (Bild: PD)

Die letzte Müllabfuhr mit Pferdefuhrwerk, aufgenommen 1973. (Bild: PD)

«Mit jedem Todesfall geht Wissen verloren»

«Dorfchronist, das ist etwas hochgegriffen», sagt Arthur Dietrich. Er wisse nicht, wie man jemanden bezeichne, der die Erinnerungen der alten Menschen zusammentrage. Ihn habe halt die Geschichte Mörschwils immer interessiert. Entstanden ist das Projekt auf Initiative von Gemeindepräsident Paul Bühler. Gegen Ende der 1990er-Jahre hatte er die Idee, alte Menschen zum früheren Dorfleben zu befragen. «Mit jedem Todesfall in der Gemeinde geht Wissen verloren», sagt Bühler. Deshalb solle man mit den Leuten reden und ihre Erinnerungen aufschreiben. Diese Arbeit hat Arthur Dietrich übernommen. «Wichtig war es, das Vertrauen der Leute zu gewinnen», sagt er. Erst habe er die Leute für Gespräche anfragen müssen. Mit der Zeit seien aber auch einige auf ihn zugekommen: «Du musst dann auch noch mit mir reden», sagten sie.

Das Ergebnis von Dietrichs Arbeit ist eine Mischung aus kollektivem Erinnerungsschwelgen und ungeschminkter Alltagsgeschichte. So schwärmen viele der Befragten von ihrer glücklichen Kindheit auf dem Land. Von der Idylle des Schulwegs zum Beispiel, auf dem die Kinder den ganzen Sommer barfuss unterwegs waren, «Telefonstangenfangis» spielten und hin und wieder einen Apfel vom Baum klauten. Von langen Wintern, in denen man die Rorschacher Strasse – damals nur «Staatsstrasse» genannt – von der Unteren Waid bis Riederen herunterschlitteln konnte.

Doch Dietrichs Geschichten, die bereits episodenweise im Gemeindeblatt erschienen sind, beleuchtet auch die Schattenseiten. «Redet mir nicht von der ‹guten alten Zeit›», lässt sich eine Mörschwilerin zitieren. Denn auch in der Gemeinde, die heute den tiefsten Steuerfuss des Kantons ausweist, gab es Armut, ehe in der Nachkriegszeit der Wirtschaftsboom einsetzte. Bis in die 1950er-Jahre brachten freiwillige Hilfsvereine Fürsorgefälle über die Runden. Hausierer zogen von Hof zu Hof und verkauften Nähzeug, Seife oder Körbe. Man nannte sie «Wollemannli», «Seifewiibli» oder «Tschinggenluise.» Sie hatten oft eine Behinderung – und nicht selten kaufte man ihnen aus Mitleid etwas ab.

«Mädchen pfeifen nicht!»

Es sind die Details, welche Dietrichs Geschichten einmalig machen. So erzählten ihm ältere Mörschwiler, wie manche Bauern das frühabendliche Melken vergassen, weil sie in der Beiz beim Jassen verhockten. Eine Mörschwilerin erinnert sich daran, dass den Mädchen das Pfeifen untersagt war. «Mädchen pfeifen nicht», habe es geheissen. In den 1960er Jahren habe allerdings auch für die Mörschwiler Frauen die Freiheit begonnen – «aber nur sehr langsam», wie sich eine Zeitzeugin erinnert.

Zehn Jahre lang hat Arthur Dietrich den älteren Mörschwilern ihre Erinnerungen entlockt. Nun ist sein Projekt endgültig abgeschlossen, «die gesammelten Werke vollendet», wie er sagt. Das freue ihn, sagt der 77-Jährige. Allerdings tue es auch ein wenig weh. «Denn nach den gesammelten Werken kommt bekanntlich nichts mehr.»

Arthur Dietrich führt durch die Fotoausstellung im Gemeindehaus. (Bild: Ralph Ribi)

Arthur Dietrich führt durch die Fotoausstellung im Gemeindehaus. (Bild: Ralph Ribi)