Ausgelassen durch die Gassen

Um 9 Uhr ist Stadtrat Markus Buschor vom Kreisel in die Spisergasse eingebogen, ihm folgten über 5000 Schulkinder. Am Kinderfestumzug zeigte jedes Schulhaus stolz seine Festkleider. Den Überblick über den Korso durch die Stadt auf den Rosenberg fotografierte Urs Bucher.

Elisabeth Reisp
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«Lueg emol, en Drache!» Ein kleiner Bub, noch zu klein, um selbst am Kinderfestumzug mitzugehen, zeigt mit seinem ausgestreckten Ärmchen ganz aufgeregt auf den roten chinesischen Drachen, den Kinder der Schulhäuser Tschudiwies und St. Leonhard tragen. Als er noch den gelben und den grünen Drachen kommen sieht, klatscht er freudig strahlend in die Hände.

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Eine Stunde zuvor: Es ist noch nicht acht Uhr, und die ersten Zuschauer nehmen auf den reservierten Plätzen auf den Holzbänken entlang der Poststrasse Platz. Es sind ältere Leute, das Pensionsalter schon längst erreicht. Wie viele Kinderfeste sie wohl bereits erlebt haben? Die Damen mit Hut und schön herausgeputzt. Die Männer tragen ihre Sonntagshosen an den Hosenträgern. Eine Andeutung, was in den nächsten zwei Stunden noch auflaufen wird.

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Lange haben die Kinder aufs Kinderfest gewartet, um beim Umzug der ganzen Stadt ihre schönen Kleider zu präsentieren. Als sie beim Spisertor-Kreisel endlich losmarschieren dürfen, können sie ihre Freude kaum zurückhalten. Ebenso wenig die Lehrerinnen und Lehrer. Viel Arbeit steckt hinter dem Fest, mit den ersten Schritten am Umzug scheint sich die Anspannung zu lösen. Kein Wunder, werden hüben wie drüben versteckte Tränchen aus den Augenwinkeln gewischt.

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Auf einem Steinmäuerchen einer Caféterrasse sitzt eine alte Dame. Sie wirkt etwas erschöpft. Der Umzug ist seit längerem im Gange, die Sonne drückt bereits recht stark. Dann ein lauter Pfiff. Kommt dieser von ihrem Sohn oder Schwiegersohn? Behende springt die alte Dame jedenfalls auf, eilt herbei: «Wo ist sie, wo ist sie?» Der Pfeifer kann sich nicht zurückhalten und drückt seinem vorbeimarschierenden Töchterchen einen Kuss auf die Wange, während seine Frau die gerührte Oma drückt. Die Kinder sehen aber auch zu hübsch aus.

Und – das ist die viel gehörte Meinung aus dem Publikum – auch die Lehrkräfte kommen sehr chic daher. Von den Lehrerinnen sind sich die Zuschauer hübsche Kleider gewohnt. Auffallend aber, wie adrett auch die Schulleiter und Lehrer dem Fest die Ehre erwiesen.

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Kaum weniger herausgeputzt sind die Tausenden von Zuschauern am Strassenrand. Die Männer in Hemd und leichter Sommerhose und Panama-Hut. Die Frauen in hellen Kleidern, besonders traditionsbewusste sogar mit Hut.

«Nie sonst sieht man so viele Akris-Kleider wie am Kinderfest», sagt ein Vater, der mit Kamera auf den Auftritt seiner Tochter wartet. Tatsächlich scheint es ein Umzug für Kinder und ein Laufsteg für das berühmteste St. Galler Modelabel zu sein.

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Kleider sind das eigentliche Thema des Umzugs. Im Publikum wird alles kommentiert und kritisiert. «Also diese Kleider, na ja, da <pludert> ja alles.» Oder: «Schau mal, die Waldbasisstufe. Wie süss. Und – Jesses – sie haben alle Wanderschühchen an, wie herzig.» Oder: «Ah, das sind jetzt die Akris-Gewändli…». Nicht weniger kommentiert und honoriert werden die Accessoires. Vieles davon ist selbst gebastelt. Etwa die Blumen, mit denen die Kinder winken. Auch die Schirmchen aus St. Galler Spitze kommen bei den Zuschauern sehr gut an – «wie bezaubernd». Und: «Wow, hast du die Drachen gesehen?»