Ausgehen an Heiligabend

Kein Termin ist in der Familienagenda so dick angestrichen wie Heiligabend. Aber auch in Clubs und Beizen ist heute abend einiges los. Ausgehen am 24. Dezember – geht das?

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Sebastian Schneider Redaktor (Bild: Michel Canonica)

Sebastian Schneider Redaktor (Bild: Michel Canonica)

Eine der besten Nächte

Auf Heiligabend folgt eine der besten Ausgehnächte überhaupt. Natürlich ist der Heiligabend im Kreis der Familie heilig. Doch die Jungen zieht es weiter, wenn das Fondue Chinoise aufgegessen und das Repertoire an Weihnachtsliedern erschöpft ist. Und auch wer (noch) keine Familie hat, will an diesem Abend nicht alleine sein.

Ausgehen an Heiligabend muss nicht zwingend eine «X-Mas-Party» bedeuten, wie sie heute beispielsweise im BBC steigt – auch wenn das jedem zu gönnen ist, der sich dort aufgehoben fühlt. Mit dem Gang in eine ruhige Beiz kann man alternativ die festliche Atmosphäre am Leben erhalten. Es herrscht eine einmalige, herrlich aufgeräumte Stimmung, wenn sich die Beiz zwischen 22 und 23 Uhr immer mehr füllt. Zu den Gästen, die schon lange am Tresen sitzen, gesellen sich nach und nach diejenigen, deren Familienfeier gerade zu Ende gegangen ist. Wer an Heiligabend sein Stammlokal betritt, sieht viele bekannte Gesichter selig lächeln. Gute Wünsche und Geschenke austauschen kann man nicht nur im Familienkreis. An Heiligabend in der Beiz sieht man auch diejenigen, die es aus beruflichen oder schulischen Gründen aus der Ostschweiz weggezogen hat und die nur noch selten zu Hause anzutreffen sind.

Wer eine Stammbeiz hat, der hat auch dort eine Familie. Und es gibt wenig Schöneres, als auch mit dieser Familie Weihnachten zu feiern. Darum ist für viele auch der Heiligabend im Kreis der Stammbeizfamilie heilig.

CONTRA

Ein Abend für die Familie

Zeit ist Geld – das stimmt einfach nicht. Gewiss nicht für die Weihnachtszeit. Geld ist reichlich vorhanden, Zeit nicht. Christen sind Konsumenten: Rasch noch einen Gutschein kaufen, rasch noch ein Kärtchen, rasch noch in die Parfümerie, rasch noch an den Weihnachtsmarkt. Alles noch rasch erledigen, damit Heiligabend dann auch perfekt wird. Dann warten, bis alle da sind. Dann rasch essen. Dann rasch Geschenke auspacken, um dann möglichst rasch wieder ins BBC, in die Grabenhalle oder sonst wo an eine «X-Mas-Party».

Dass die Weihnachtszeit durch den Konsumzwang fast völlig degeneriert ist, kann man ja noch halbwegs akzeptieren. An Heiligabend keinen Punkt mehr zu machen, geht jedoch zu weit. Es soll doch wenigstens an einem Abend in dieser Zeit kurz vor dem Jahreswechsel möglich sein, den Tag im Kreise der Familie gemütlich ausklingen zu lassen. Diese Zeit hat die Familie verdient. An welchem Tag sonst kann man sich die Zeit nehmen, über vergangene Zeiten zu sprechen? Vielleicht auch über vergangene Weihnachtsfeste?

Wer Heiligabend zum Abend für Bier, Bar und Freunde erklärt und sich alle Jahre wieder von der Familie abkapselt, der darf auch ehrlich sein. Wenn ihm Weihnachten nicht viel bedeutet, muss er das Fest auch nicht feiern. Aufrichtig wäre, das Fest in der Agenda für immer zu streichen. Dumm nur, dass das trotz allem nicht geht: Auf Familie und Religion kann man zwar verzichten, nicht aber auf Konsum. Denn auch wenn keine Zeit vorhanden ist, Geld ist immer noch da.

Johannes Wey Redaktor (Bild: Ralph Ribi)

Johannes Wey Redaktor (Bild: Ralph Ribi)

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