Aus Legehuhn wird Wursthuhn

Wenn an Ostern der Eierkonsum den Jahreshöhepunkt erlebt, ist bei den Degersheimer Eierproduzenten Migg Scheurer und Fritz Roth längst wieder der Alltag eingekehrt. Die beiden haben ihren ganzen Hühnerbestand ersetzt.

Michael Hug
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Migg Scheurer beim «Einstallen»: Innert einer Stunde nehmen 4200 Junghennen vom Stall Besitz. (Bild: Michael Hug)

Migg Scheurer beim «Einstallen»: Innert einer Stunde nehmen 4200 Junghennen vom Stall Besitz. (Bild: Michael Hug)

Das Ei ist in wenigen Wochen wieder in aller Munde. Bei Migg Scheurer und Fritz Roth wird es wohl eher ein Schoggi-Osterhase sein, denn mit Eiern haben die beiden Bauern das ganze Jahr zu tun. «Durch unsere Hände gehen jeden Tag fast 8000 Eier», sagt Migg Scheurer. 8400 Legehennenplätze besitzt die Betriebszweiggemeinschaft (BZG) Scheurer-Roth in Wolfertswil. Vor wenigen Tagen aber war keine einzige Henne mehr im Stall. «Ausstallen» heisst der Begriff unter den Eierproduzenten – für Althennen ist es das Todesurteil. Elfeinhalb Monate lang haben diese Hühner Eier gelegt – rund 300 jede Henne, 2,5 Mio. insgesamt, zu gut 23 Rappen das Stück.

Zwei Millionen Eier pro Tag

In der Schweiz legen zwei Millionen Legehennen 650 Mio. Eier pro Jahr. Damit decken sie die Hälfte des Inlandbedarfs. Seit 1991 ist die Batteriehaltung von Hühnern verboten. Das bedeutet, dass alle Schweizer Eier aus Bio-, Freilauf- oder Bodenhaltungsbetrieben stammen. Die BZG Scheurer-Roth setzt auf Freilaufhaltung. Migg Scheurer: «Wann immer das Wetter es zulässt, sind unsere Hühner draussen.» In diesen Tagen hat die BZG 8400 Junghennen «eingestallt». Sie sind jetzt 18 Wochen alt und werden in den nächsten Tagen mit dem Eierlegen beginnen. Aufgewachsen sind die Junghennen auf einem Aufzuchtbetrieb im thurgauischen Tobel.

Althühner in den Topf…

Das «Ausstallen» ist eine gutvorbereitete Logistikaktion. Scheurer: «Das hiess bis vor kurzem noch das Töten auf dem Hof und dann ab in die Biogasanlage.» 80 Rappen pro Huhn kostete diese Entsorgung und sie hinterliess beim Bauern einen fahlen Nachgeschmack. Scheurer-Roths Althennen hatten eine andere Bestimmung: Sie landeten im Suppentopf. Nachts wurden die schlafenden Hennen von der Stange «gepflückt» und per Camion zur Schlachterei gebracht. Weil es in der Schweiz fast keine Schlachtanlagen für Althennen gibt, wurden sie nach Süddeutschland gefahren, dort geschlachtet und danach in ein Kühlhaus des «GalloCircle» verfrachtet.

…oder in die Wurst

Der Verein «GalloCircle» in Bettwiesen ist eine Selbsthilfeorganisation der Eierproduzenten, die sich um die Vermarktung von Legehennen kümmert. Präsident Willy Neuhauser: «Die Migros nimmt uns pro Jahr 250 000 Althennen ab.» Davon endet nur ein kleiner Teil tatsächlich als Suppenhuhn im Topf. Neuhauser: «Würde jede Familie ein einziges Suppenhuhn pro Jahr essen, hätten wir keine Althennen-Verwertungsprobleme.» Doch das Sonntags-Suppenhuhn ist aus der Mode gekommen. Der GalloCircle arbeitet mit der Migros an der Herstellung von Charcuterieprodukten aus Althennenfleisch. «Da werden demnächst Produkte auf den Markt kommen», sagt Neuhauser. Die BZG Scheurer-Roth liefert ihre Eier an die Ei AG in Sursee. Mit 120 Mio. Eiern pro Jahr ist sie der zweitgrösste Eierhändler der Schweiz und Hauslieferant von Coop.

Alles ist vorgeschrieben

Die Aktionäre der Ei AG sind die Produzenten – sie können sich deshalb erlauben, diesen die Wahl der Futterlieferanten vorzuschreiben. Der Eierhandel, die Althennenentsorgung, die Futterlieferungen, die veterinärmedizinische Begleitung, selbst die Entsorgung des Stallmists: alles ist vertraglich geregelt im Eierproduktionsgeschäft. Eierproduzent Scheurer: «Das System garantiert die Qualität auf allen Stufen. Wir brauchen ja auch eine gewisse Sicherheit, denn immerhin haben wir fast eine Million in den Stall investiert.» Vor dem Gesetz ist die BZG Scheurer-Roth ein Landwirtschafts- und kein Industriebetrieb.

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