AUFGESCHLOSSEN: Hinter den Mauern des Amtshauses

Gerichtspräsident Olav Humbel schliesst verschlossene Türen auf und gewährt einen Einblick in die wichtigsten Räume des Kreisgerichts Rorschach. Einer seiner bewegendsten Fälle handelt von einem kleinen Fehler, der ein Leben kostete.

Vivien Huber
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Das heutige Kreisgericht an der Mariabergstrasse wurde 1790 erbaut.

Das heutige Kreisgericht an der Mariabergstrasse wurde 1790 erbaut.

Vivien Huber

vivien.huber@tagblatt.ch

«In dubio pro reo», im Zweifel für den Angeklagten: So lautet einer der vielen Rechtsgrundsätze, mit denen sich Olav Humbel täglich beschäftigt. Der Gerichtspräsident und Richter des Kreisgerichts in Rorschach gewährt Einblick in Bereiche des Amtshauses, zu denen normalerweise nur Mitarbeiter Zutritt haben.

Das 1790 erbaute Haus habe einst einem Tuchhändler namens Lorenz Salvini gehört, sagt Humbel. Er wählt seine Worte sorgfältig. Denn in seinem Amt hat er eine grosse Verantwortung: «Als Leiter des ganzen Gerichts vertrete ich das Kreisgericht nach aussen», erklärt Humbel. Als Gerichtspräsident steht er der Geschäftsleitung und den Plenar­versammlungen des gesamten Gerichts vor, beaufsichtigt die Vermittlungsämter und Schlichtungsstellen und ist untere Aufsichtsbehörde über die Betreibungsämter. Auch Organisatorisches, wie das Unterschreiben der Arbeitsverträge gehört zu seinen Tätigkeiten. «Meine Hauptaufgabe ist aber immer noch das Richtersein», stellt er klar, sei dies als Einzelrichter oder Vorsitzender des Kollegialgerichts.

Tauchlehrer am Tod des Freundes schuld

Im zweiten Stock des Hauses betritt Humbel den prunkvollen Gerichtssaal, der für rund 20 Personen Platz bietet. Die Wände sind verziert, und von den Fenstern fällt Tageslicht herein, welches das goldene Deckengemälde sanft schimmern lässt. Humbel, der vorschriftsgemäss dunkle Kleidung trägt, setzt sich an den langen, polierten Richtertisch. Neben ihm sitzt Ramona Bollhalder, ausserordentliche Gerichtsschreiberin, und schaltet ihren Laptop ein. Humbel legt seine Gesetzesbücher und einen dicken Bund Akten auf den Tisch. Der Stuhl des Angeklagten auf der anderen Seite ist leer.

Einst sass ihm dort ein Tauchlehrer gegenüber. Er machte mit seinen Freunden, die ebenfalls Kenntnisse auf diesem Gebiet hatten, einen Tauchgang. Durch einen kleinen Fehler verstarb einer der beiden Freunde. «Da der Tauchlehrer die meiste Erfahrung von allen hatte, wurde ihm der Tod seines Freundes angelastet», erklärt Humbel. Solche Fälle seien auch als Richter emotional nicht immer leicht. «Dieser Fall ging mir nah und beschäftigte mich», sagt Humbel und wird dabei ernst.

Die Verhandlungen seien grundsätzlich öffentlich, jedoch gebe es Ausnahmen. Beispiele für geschlossene Verhandlungen seien Scheidungen oder Sexualdelikte. «Bei Letzteren muss das Opfer geschützt werden», sagt Humbel. Die Presse erhalte jedoch auch Zutritt zu diesen Verhandlungen, um die Transparenz der Gerichte zu wahren. Humbel erklärt weiter, dass bei Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr der Einzelrichter zuständig sei. Bei schweren Delikten entscheide das Gericht in Dreierbesetzung, bei Freiheitsstrafen von mehr als fünf Jahren in Fünferbesetzung.

Er verlässt den Gerichtssaal und begibt sich mit raschen Schritten ins Treppenhaus. Aus dem hölzernen Treppengeländer ist eine weibliche Figur geschnitzt. Im Erdgeschoss geht Humbel auf eine Holztüre zu. Er schliesst sie auf und macht den Lichtschalter an. Leicht verstaubte Steintreppen, die in den Keller führen, werden sichtbar. Beim Abstieg wird die Luft kälter und etwas abgestanden. Unten angekommen, führt ein schmaler Gang zu einer grauen Türe. Humbel öffnet sie. Im Archiv stehen Regale reihenweise aneinander: Auf der linken Seite sind die Akten der einzelnen Fälle, rechts die Spruchbände mit den Urteilen. «Wir bewahren die Akten für 15 Jahre auf. Gut die Hälfte ist auf familienrechtliche Verfahren wie Scheidungen zurückzuführen», sagt Humbel.

Im Erdgeschoss trennt eine Glastüre Wartebereich und Eingangstüre ab. «Diese zusätzliche Türe dient der Sicherheit», sagt Humbel. Bei problematischen Fällen werde die Polizei vorsorglich beigezogen.