Auf Stippvisite im Stiftsbezirk

ST.GALLEN. Asiatische Touristen zieht es nicht nur nach Interlaken und Luzern. Immer mehr finden den Weg nach St.Gallen. Die meisten bleiben nur wenige Stunden, sie besuchen die Stiftsbibliothek und reisen weiter – wie Familie Li aus China.

Christina Weder
Drucken
Teilen
Familie Li dokumentiert ihre Reise mit Hunderten von Fotos. Sie ist beeindruckt von der barocken Pracht in der Kathedrale St. Gallen: «Very beautiful.» (Bild: Coralie Wenger)

Familie Li dokumentiert ihre Reise mit Hunderten von Fotos. Sie ist beeindruckt von der barocken Pracht in der Kathedrale St. Gallen: «Very beautiful.» (Bild: Coralie Wenger)

Familie Li kommt aus dem Staunen nicht heraus. Vater, Mutter und Tochter stehen in der Kathedrale in St.Gallen. Jeder hält einen Fotoapparat in der Hand und betrachtet die barocke Pracht, die Putten und Schnörkel durch die Linse. «Very beautiful», sagen sie, «very old.» So anders als dort, wo sie herkommen.

Viele asiatische Reisegruppen

Familie Li stammt aus China. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Lehrerin, die Tochter Studentin. Sie sind zum ersten Mal in Europa. Ihre Reise dauert 17 Tage. In St.Gallen legen sie nur einen kurzen Halt ein. Sie sind mit dem Mietauto unterwegs und damit eine Ausnahme unter den asiatischen Touristen, die derzeit in der Altstadt anzutreffen sind. Zu rund 90 Prozent reisen sie in einer Gruppe.

Es scheint, als kämen mehr Touristen aus dem Fernen Osten in die Stadt als früher. Auch Frank Bumann, Direktor von St.Gallen-Bodensee-Tourismus, hat diesen Eindruck, der sich allerdings kaum mit Zahlen belegen lässt. Denn viele Asiaten kommen – wie Familie Li – bloss für ein paar Stunden nach St.Gallen. Von der Statistik erfasst werden aber nur jene, die über Nacht bleiben. Die Zahl der Übernachtungen von Chinesen im Kanton St. Gallen legte zwischen 2012 und 2013 stark zu. Laut Bundesamt für Statistik stieg sie von 5400 auf 7400. Seit 2013 wirbt St.Gallen-Bodensee-Tourismus verstärkt im asiatischen Raum.

Das bekommt die Hotellerie zu spüren. «Wir haben markant mehr Gäste aus China, aber auch aus Japan», sagt Markus Kraus, Direktor des Hotels Einstein und Präsident des Hoteliervereins St. Gallen-Bodensee. Im Hotel Einstein achtet man unterdessen auf Kleinigkeiten, die für asiatische Gäste entscheidend sind. Das Personal vermeidet es etwa, Chinesen in ein Zimmer mit der Nummer 4 einzuquartieren. «Die Vier ist in China eine Unglückszahl», sagt der Hoteldirektor.

«Der Weg ist das Ziel»

Kraus hat sich darum bemüht, mit Reiseveranstaltern Verträge abzuschliessen. Und sieht noch viel Potenzial in diesem Bereich – vor allem für Hotels mit weniger Sternen. Denn: Der Chinese gebe nicht gerne viel Geld für Übernachtungen aus. Lieber bringe er ein teures Geschenk nach Hause, eine Uhr oder Schmuck. Nun überlege man, wie man asiatische Gäste länger in der Stadt halten könne. Bis jetzt bleibe kaum einer mehr als eine Nacht. Der Inbegriff chinesischer Ferien sei, im Bus vorbei zu reisen, sagt Kraus. «Für den Chinesen ist der Weg das Ziel.»

In der Stiftsbibliothek, der beliebtesten Sehenswürdigkeit, fällt vor allem ein Zuwachs an chinesischen Reisegruppen auf. Stiftsbibliothekar Cornel Dora plant, einen Flyer auf Mandarin zu drucken. Auch das Textilmuseum ist von asiatischen Gästen gut besucht. «Sie haben eine Affinität zum Textilen», sagt Direktorin Michaela Reichel. Für die Ausstellung «Kirschblüte & Edelweiss» hat sie gezielt japanische Gruppen angeschrieben.

Die Läden in der Altstadt hingegen spüren umsatzmässig noch kaum etwas. Viele asiatische Reisegruppen spazieren etwa an der Chocolaterie am Klosterplatz vorbei. Nur wenige kehren ein. «Es ist ein Zeitproblem», sagt Geschäftsführerin Silvia Kurz. Die meisten hätten ein dicht gedrängtes Programm und seien «auf dem Sprung».

Grosser Unterschied zu Luzern

Auch Andreas Haag, Geschäftsführer beim Juwelier Bucherer, sagt: «Es ist kein Vergleich zu unserer Niederlassung in Luzern.» Während dort 80 Prozent der Kunden aus China stammen, seien es in St.Gallen erst fünf Prozent. Doch er sieht Potenzial. «Wir müssen uns aktiv um sie bemühen.»

Familie Li reist nach ihrer Stippvisite weiter. Drei Tage hat sie für die Schweiz eingeplant, für Interlaken, Luzern, Zürich und den Rheinfall.

Aktuelle Nachrichten