Auf Geisterbahnhof gestrandet

Das Ensemble der St. Galler Bühne spielt das Schauspiel «Der Geisterzug» des englischen Dramatikers Arnold Ridley. Morgen feiert das Stück in der Kellerbühne Premiere, bis Ende April wird es zehn Mal aufgeführt.

Claudia Schmid
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Kein Zug bis zum nächsten Morgen: Die Gestrandeten erwartet eine unheimliche Nacht am Bahnhof. (Bild: Ralph Ribi)

Kein Zug bis zum nächsten Morgen: Die Gestrandeten erwartet eine unheimliche Nacht am Bahnhof. (Bild: Ralph Ribi)

Am Dienstagabend haben sich Schauspielerinnen, Schauspieler, Regisseurin, Regieassistentin, Souffleure, Tontechniker und weitere Theatermitwirkende in der Kellerbühne eingefunden. Nur noch wenige Proben stehen dem Ensemble der St. Galler Bühne zur Verfügung: An der Premiere vom Samstag müssen die Texte sitzen, die letzten Nähte an den Kostümen geschlossen sein, die Pfiffe der vorbeifahrenden Züge an der richtigen Stelle und in angemessener Lautstärke ertönen.

Die Notbremse gezogen

Regisseurin Ursula Kaspar gibt letzte Anweisungen, bevor sich die Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Bühne begeben, um die Geschichte des Geisterzuges zu erzählen. Sie haben sich in eine Handvoll gestrandeter Passagiere verwandelt, die sich nachts in der Wartehalle eines einsamen Bahnhofs wiederfinden. Das nächste Haus liegt meilenweit entfernt, das Wetter ist ungemütlich und bis zum nächsten Morgen fährt kein weiterer Zug mehr.

Schuld an der misslichen Lage ist einer der Passagiere des liegengebliebenen Zuges. Er hatte die Notbremse gezogen, nachdem ihm vom Fahrtwind seine Kappe vom Kopf gerissen wurde, als er den Kopf zum Zugfenster hinausstreckte. Da die Fahrgäste die Nacht nun mangels besserer Alternativen im Bahnhof verbringen müssen, sind sie auf den Verursacher ihrer Notsituation nicht sehr gut zu sprechen.

Ein schweres Zugunglück

Der Stationsvorstand ist nicht sehr erpicht darauf, die Nacht mit den Fahrgästen im Bahnhof zu verbringen und rät ihnen dringend, umgehend das nächste Haus aufzusuchen. Den Grund für seine Aufforderung gibt er jedoch erst nach einigem Zögern preis. Da sich an der Station vor vielen Jahren ein schweres Zugunglück mit mehreren Toten ereignet hatte, klinge in manchen Nächten auf einmal die Signalglocke und ein Zug donnere mit gellendem Pfeifen und knirschenden Bremsen vorbei, erzählt er.

Wegen des schlechten Wetters und des weiten Weges zum nächsten Haus ignorieren die Gestrandeten dennoch seine eindringliche Bitte und tun seine Geschichte als Aberglauben ab. Allen Warnungen zum Trotz richten sich die Passagiere für die Nacht ein. Alles scheint zunächst darauf hinzudeuten, dass die Geschichte vom Geisterzug doch nur eine Legende ist. Doch dann gibt es plötzlich einen Toten, die unheimlichen Ereignisse häufen sich.

Eine lange Theatertradition

Die St. Galler Bühne spielt jedes Jahr um die Weihnachtszeit ein Märchen für die kleinen Theaterbesucher und im Frühling eine Produktion für Erwachsene. Die Wahl der Stücke reicht von turbulenten Verwechslungskomödien über spannende Psychothriller bis zu klassischen Possen und kulturhistorischen Lebenschroniken. Eine fünfköpfige Stückwahlkommission macht sich jeweils auf die Suche nach geeigneten Produktionen und schlägt sie an der Hauptversammlung vor. Laut Alex Adamantidis, bei der St. Galler Bühne für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, fiel die Wahl mit grosser Mehrheit auf das Schauspiel des englischen Dramatikers und Schauspielers Arnold Ridley. Er schrieb rund 30 Theaterstücke, wurde aber vor allem mit «Der Geisterzug» bekannt.

Das Ensemble der St. Galler Bühne zählt zurzeit rund 40 Mitglieder. Das Amateurtheater hat eine lange Tradition: 1920, mitten in der Stickereikrise, führten theaterbegeisterte Mitglieder des Textilverbandes St. Gallen das Ritterschauspiel «Rosa von Tannenburg» auf. Daraus ging 1921 die Gründung des Dramatischen Clubs Edelweiss hervor, der im Herbst jenes Jahres den «Glockenguss zu Breslau» erfolgreich aufführte. Das war der Beginn dessen, was seit 1945 als St. Galler Bühne für lokales Amateurtheater bekannt ist. Zwischenzeitlich nannten sich die leidenschaftlichen Theatermacher Dramatischer Club St. Gallen-Ost (1926) und Dramatischer Verein St. Gallen (1938).

Aufführungen: Samstag, 16. April (Premiere), 19., 20., 21., 23., 26., 27., 28., 29. und 30. April; jeweils 20 Uhr in der Kellerbühne