Auf der Jagd nach Tassen quer durch die Bretagne

Büro-Tasse

Elina Grünert
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Michaela Reichel kommt nicht oft zum Kaffeetrinken. Wenn die Direktorin des Textilmuseums St. Gallen dann aber Zeit findet, trinkt sie den Kaffee aus ihrer eigenen, speziellen Tasse. Diese besteht aus Keramik mit einer weissen Glasur und ist eigentlich Teil eines ganzen Tee-Sets.

Dieses Set hat Reichel vor über 30 Jahren gekauft. Während sie in der Bretagne in den Ferien war, fuhr sie dreimal eine Strecke von 150 Kilometern zum Keramikhändler. Sie sei sich nie sicher gewesen, ob sie das Set nun kaufen solle, sagt Reichel und lacht dabei, denn die Tasse ist das einzige brauchbare Stück des Sets. «Die Teekanne ist wunderschön anzusehen, man kann aber Wasser weder ein- noch ausgiessen ohne es zu verschütten.» Auch die Unterteller seien nur mässig brauchbar, denn sie würden keinen Halt geben, so dass die Tassen immer herumschlingerten. «Ich habe wohl einen Hang zu schönen Dingen, die aber äusserst schwierig im Gebrauch sind», sagt Reichel. So besitzt sie auch eine Tasse des bekannten deutschen Bauhaus-Designers Wilhelm Wagenfeld. Diese sei auch sehr dekorativ, jedoch sei es ebenfalls unmöglich daraus zu trinken, ohne zu kleckern. «Aber wie alles Nutzlose überdauert die Tasse die Jahre, da sie einfach nicht gebraucht wird.»

Privat bevorzugt Reichel Tee, auf der Arbeit jedoch trinkt sie Kaffee und zwar immer in der Pause, an der alle Mitarbeiter anwesend sind. «Es ist die einzige Zeit des Tages, wo wir uns alle sehen.» Ab und zu gibt es auch Gipfeli oder Schokolade dazu. Diese bekommen die Mitarbeiter manchmal als Geschenke für Führungen. Während der restlichen Arbeitszeit seien alle Mitarbeiter verstreut. Dann trinkt Reichel auch keinen Kaffee mehr. Sie sagt, sie wäre ein schlechtes Vorbild, wenn sie mit vollen Kaffeetassen quer durch das Museum laufen würde. In den Ausstellungsräumen und auf den Gängen herrscht nämlich Trinkverbot, um die kostbaren Stücke zu schützen.

Der Alltag im Textilmuseum ändert sich im Sommer nicht gross. Lediglich die Besuchergruppen seien etwas anders: «Es kommen mehr Touristen und dafür weniger Einheimische.» Es gibt weniger Führungen, da die Schulklassen wegfallen. Administrative Aufgaben gäbe es jedoch immer zu erledigen, sagt Reichel. Sie macht noch keine Ferien, sondern bereitet die neue Ausstellung vor. Mit der Tasse hat sie aber jeden Tag eine Ferien-Erinnerung vor sich.

Elina Grünert

stadtredaktion@tagblatt.ch