Auch die Lehrstelle muss hip sein

Das Stadtparlament hat kürzlich darüber gestritten, ob es für St. Galler Schulabgänger zu viele oder zu wenige Lehrstellen gibt. Die Antwort der Experten lautet: «Beides stimmt.» Aber: Angebot und Nachfrage stimmen immer weniger überein.

Odilia Hiller
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Gefragt wie eh und je: Eine Lehre als Coiffeuse. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Gefragt wie eh und je: Eine Lehre als Coiffeuse. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Auf manche Dinge gibt es keine einfachen Antworten. Schon gar nicht, wenn es um Lehrstellen geht. Herrscht im Land nun Lehrstellenmangel, oder ist die Lage schon wieder total entspannt? Werden die Lehrbetriebe von Bewerbungen überschwemmt, oder finden sie kaum Nachwuchs für ihre Ausbildungsplätze? Ist «die Krise» vorbei? Die Antwort lautet wie so oft im Leben: Es kommt darauf an.

Zwei Realitäten

Die Leiterin der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung St. Gallen, einer von sieben Beratungsstellen des Kantons, geht gar noch weiter: Von den Stadtparlamentariern, die sich an der vorletzten Sitzung in ihren Aussagen über die aktuelle Situation diametral widersprachen, hätten eigentlich alle recht, sagt Andrea Weibel.

«Es gibt zwei Realitäten», erklärt die Stellenleiterin. Die eine basiere auf Zahlen – und diese sind seit Jahren gleichbleibend gut. Der Kanton sprach im vergangenen Juni nach der jährlichen, flächendeckenden Befragung der Schulabgänger von einer «erfreulich guten Gesamtsituation». Ähnlich wie in den drei Vorjahren hatten Ende Mai 92 Prozent der Volksschulabgänger eine Anschlusslösung gefunden. Im Berufswahlkreis St. Gallen waren es knapp 87 Prozent, also fünf Prozentpunkte weniger als im Gesamtkanton.

Widersprüchliche Bedürfnisse

Den 474 Jugendlichen ohne Anschlusslösung standen am Stichtag im Kanton 597 unbesetzt gemeldete Ausbildungsplätze gegenüber. Hier eröffnet sich das Problem, das auch jenen recht gibt, die behaupten, es gebe nicht genügend Ausbildungsplätze. Das Problem sei, dass die Fähigkeiten und Vorstellungen der Jugendlichen oftmals nicht mit den Anforderungsprofilen der ausgeschriebenen Lehrstellen übereinstimmten, sagt Andrea Weibel. Zudem seien in vielen Berufen die Anforderungen gestiegen.

Das mache es für die schwächeren Schülerinnen und Schüler zunehmend schwieriger, einen Platz zu finden. Sei es, dass sich die Jugendlichen überschätzen oder sich ausschliesslich für die Berufe interessieren, die ein gewisses soziales Prestige besitzen: «Jugendliche von einem anderen als dem gewünschten Beruf zu überzeugen ist nicht einfach.» Auf Lehrstellensuche stünden sie häufig unter beträchtlichem Druck. Eltern, Lehrer, Berater, Mitschüler – alle geben gute Ratschläge. Unwillen und Resignation können die Folge sein.

Im Interesse der Jugendlichen

Fest steht: Manche Arbeitgeber haben Mühe, ihre Stellen zu besetzen. «Zu Recht jedoch möchte niemand gänzlich unmotivierte Lehrlinge als <Notlösung> einstellen», sagt Andrea Weibel. Das sei auch nicht im Interesse der Jugendlichen.

«Absolut falsche Vorstellungen»

Die Tendenz, dass «unpopuläre» Berufe zum Teil Probleme haben, Nachwuchs zu finden, bestätigt auch Felix Keller, Geschäftsführer des Gewerbeverbands der Stadt St. Gallen. Es gebe Jugendliche, die sich «absolut falsche Vorstellungen» machten über gewisse Berufe oder die Voraussetzungen für den gewünschten Beruf nicht mitbrächten. Berufliche Angebote für schulisch Schwächere existierten aber durchaus. «Verschiedene Verbände, zum Beispiel die kaufmännischen Berufe oder Hochbauzeichner, sind mit der Besetzung aber sehr zufrieden», sagt Keller.

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