Atomstrom deutlich reduziert

Das Energiekonzept in Gossau ist ein halbes Jahr alt. Seither hat die Stadt den Anteil Atomstrom gesenkt, Solarenergie gefördert und weitere Massnahmen geplant. Fukushima gebe zusätzlich Schub, sagt Stadträtin Gaby Krapf.

Rafael Rohner
Drucken
Teilen
Mit gutem Beispiel voran: Die städtischen Liegenschaften beziehen seit Anfang Jahr nur noch Strom aus erneuerbaren Quellen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Mit gutem Beispiel voran: Die städtischen Liegenschaften beziehen seit Anfang Jahr nur noch Strom aus erneuerbaren Quellen. (Bild: Hanspeter Schiess)

gossau. Nur Monate vor der Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima liess die Stadt Gossau ein Energiekonzept erstellen. Es scheint auch nach der Katastrophe in Japan noch ambitioniert: Bis 2020 soll der Energieverbrauch pro Einwohner von 7300 Watt – das sind 15 Prozent mehr als der Schweizer Durchschnitt – auf 6200 Watt gesenkt werden. 2050 ist die 2000-Watt-Gesellschaft das Ziel. «Um das zu erreichen, muss ein Umdenken stattfinden», sagt Beat Lehman, Leiter der Stadtwerke Gossau. Die Stadt könne vorausgehen, sensibilisieren, aber dieses Ziel könne sie nicht alleine erreichen. Kurz: «Es müssen alle Strom sparen.»

Lokale Produktion fördern

Erste Schritte hat die Stadt Gossau bereits unternommen. Im Energiekonzept sind 21 Massnahmen formuliert. Einige davon sind bereits umgesetzt, andere angedacht. Übergeordnetes Ziel dabei ist es, den Anteil sauberer, lokal produzierter Energie zu erhöhen und gleichzeitig Energie zu sparen. Beispielsweise mittels Gebäudesanierungen oder der Nutzung von Abwärme. «So kann Gossau unabhängiger von grossen Energielieferanten werden», sagt Lehmann.

Keine ausländische Kernenergie

Der Anteil Atomstrom konnte bereits gesenkt werden. Wie die Gemeinde Gaiserwald hat der Gossauer Stadtrat beschlossen, Zertifikate auf Wasserkraft zu kaufen. Statt wie bis anhin 75 Prozent wird Gossau künftig nur noch 50 Prozent Atomstrom beziehen. Der Anteil ausländischer Kernenergie fällt dabei ganz weg. Damit hat der Stadtrat die Forderung eines Postulats der Flig bereits übertroffen. Sie hatte den Stadtrat im Mai 2010 dazu aufgefordert, zu prüfen, wie der Anteil ausländischer Kernenergie reduziert werden könnte.

Durch diese Massnahme werde de facto aber kaum mehr Energie aus Wasserkraft und damit erneuerbare Energie produziert, sagt Stadträtin Gaby Krapf. Deshalb sei es wichtig, die Produktion von erneuerbarer Energie auf Stadtgebiet zu fördern: beispielsweise die Solarenergie.

Solarenergie ausbauen

Das macht die Stadt ab dem 1. Mai, indem sie Solarenergie direkt bei den Produzenten auf Stadtgebiet einkauft und die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) übernimmt. Bisher erhielten Solaranlagen-Besitzer die KEV von Swissgrid. Diese Änderung hat zwei Vorteile: Die Stadt kann so den aus Solarenergie produzierten Strom in ihrer Strombilanz ausweisen und diejenigen, die eine Solaranlage bauen wollen, müssen nicht auf die Warteliste von Swissgrid. Denn diese Warteliste ist lang, am 19. April waren es schweizweit 8640 projektierte Photovoltaikanlagen, die auf Beiträge warten.

Diese Massnahme scheint einiges zu bewirken. Zahlen könne er zwar noch keine nennen, sagt Lehmann. Das Interesse am Bau von Photovoltaikanlagen sei allerdings seit der Änderung stark gestiegen. Weil die Zahlung der KEV-Beiträge bei vielen Interessenten für die Stadt teuer werden könnte, hat der Stadtrat diese Massnahme vorerst auf drei Jahre beschränkt. Wie viel es effektiv kosten wird, hänge von der Nachfrage ab und sei daher noch nicht abzuschätzen, sagt Gaby Krapf. Sicher ist: «Gratis ist es nicht.»

«Auf dem richtigen Weg»

Eine weitere Massnahme: Seit Anfang Jahr bezieht die Stadt Gossau für ihre Liegenschaften und die öffentliche Beleuchtung ausschliesslich erneuerbare Energie. Jeder Haushalt hätte die Möglichkeit, dies für einen Aufpreis auch zu tun, sagt Lehmann. «Normalerweise steigen in Gossau etwa 15 Haushalte pro Jahr auf erneuerbare Energien um.» Wie in anderen Gemeinden auch, hätten nach Fukushima weit mehr Leute den Strommix geändert. «In den vergangenen Tagen waren es bereits 30 bis 35 Haushalte», sagt Lehmann.

Stadträtin Gaby Krapf ist zufrieden mit dem bisher Erreichten. «Wir sind auf dem richtigen Weg», sagt sie. Die Zielvorgaben im Konzept seien aber weiterhin sehr ehrgeizig. Sie spüre seit der Ausarbeitung des Konzepts, vor allem aber seit Fukushima, im Parlament und im Stadtrat eine erhöhte Bereitschaft, Umweltprojekte anzugehen. Die Stadträtin ist zuversichtlich, dass die weiteren Massnahmen im Konzept umgesetzt werden können. «Auch dann, wenn diese Massnahmen die Stadt etwas kosten.»

Das Energiekonzept ist auf www.stadtgossau.ch abrufbar.