ASYL: Die Angst vor den jungen Fremden

In der Marienburg Thal werden 105 unbegleitete, minderjährige Asylbewerber betreut. Beim Infoanlass vom Montagabend wird klar: Skepsis und Unmut in der Bevölkerung sind grösser als angenommen.

Rudolf Hirtl
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Roger Hochreutener und Zentrumsleiter Daniel Kälin (rechts) müssen zahlreiche Fragen beantworten. (Bilder: Rudolf Hirtl)

Roger Hochreutener und Zentrumsleiter Daniel Kälin (rechts) müssen zahlreiche Fragen beantworten. (Bilder: Rudolf Hirtl)

Rudolf Hirtl

rudolf.hirtl@tagblatt.ch

«Grüezi. Herzlich willkommen in der Marienburg», sagt das 15-jährige Mädchen aus Somalia und strahlt die ankommenden Besucher mit einem entwaffnenden Lächeln an. Ehe es dieses Lächeln wiedergefunden hat, sind viele Wochen verstrichen. Wochen, in denen das Mädchen posttraumatische Störungen überwinden musste. Erst nach und nach hat es wieder Vertrauen gefasst in die Menschen.

Damit es zurückfinden konnte in ein «normales» Leben, dafür erhält es in der Marienburg Thal die Unterstützung von Sozialpädagogen, Psychologen und Lehrkräften. «Was wir aber nicht bieten können, ist in schwierigen Momenten die Umarmung und der Trost der Mutter oder des Vaters, denn diese jungen Menschen sind alleine unterwegs. Sie wurden weggeschickt, um dem Kriegsgräuel zu entgehen, dem schon Elternteile oder nahe Verwandte zum Opfer fielen», sagt Roger Hochreutener, Asylkoordinator der Vereinigung der St.Gallischen Gemeindepräsidenten. Und nachdenklich in den vollen Saal der Marienburg blickend fügt er an: «Sie können sich nicht vorstellen, was diese jungen Menschen auf ihrer Flucht mitgemacht haben. Insbesondere der Gewalt, denen die Mädchen vor allem auch ausserhalb ihres Landes ausgesetzt waren.»

Mutter lässt Tochter nicht mehr zum Bahnhof

Auch Thals Gemeindepräsident Robert Raths wendet sich mit eindringlichen Worten an die Frauen und Männer, die der Einladung gefolgt sind, einen Einblick in den Alltag der Jugendlichen zu erhalten. «Vergessen Sie nicht, es sind in erster Linie Menschen, Kinder, und sie sind nicht freiwillig da.» Den Appellen der beiden vorausgegangen sind Wortmeldungen von Einwohnerinnen und Einwohnern von Thal und Rheineck, bei denen Angst und Unsicherheit hörbar wird. Und das in einer Menge, von der auch die vorne stehenden Verantwortlichen sichtbar überrascht sind. Jugendliche, die nach Mitternacht durch die Gassen spazieren und laut Musik hören, sind Anwesenden ebenso ein Dorn im Auge wie Gruppen Besoffener oder fehlende Dankbarkeit. Eine Frau sagt gar, dass sie ihre Tochter nicht mehr alleine zum Bahnhof Rheineck gehen lasse, weil dort so viele schwarze Jugendliche rumlungerten. Rheinecks Stadtpräsident Hans Päffli räumt zwar ein, dass beim Bahnhof vermehrt Jugendliche der Marienburg anzutreffen seien, dramatisch sei die Situation aber nicht. Hochreutener und Raths ihrerseits betonen, dass sie die Ängste und Anliegen aus der Bevölkerung ernst nehmen. Sie seien auch dankbar, wenn sie Hinweise bekämen, um die nötigen Massnahmen einzuleiten. In einer Sache sind sich die beiden einig. «Wenn Sie Jugendliche antreffen, die sich nicht zu benehmen wissen, dann zeigen Sie Zivilcourage und weisen Sie diese zurecht. Dies gilt aber nicht nur für Bewohner der Marienburg.»

Auffallend oft brüskieren sich Votanten daran, dass minderjährige Asylbewerber zu Unzeiten in den Gemeinden unterwegs seien. Hochreutener verweist darauf, dass die Marienburg kein Gefängnis sei; trotz bestehender Ausgangsregelung, sonntags bis donnerstags 22 Uhr, freitags und samstags 24 Uhr. Ausserdem hielten sich von den 105 in der Marienburg wohnenden Jugendlichen 90 an die Hausregeln. Sanktionen würden also meist die Falschen treffen.

Kontakt und Toleranz sind eine grosse Hilfe

Auch Hassan Abdel-Rehim, leitender Psychiater in der Marienburg, zeigt Verständnis für die Ängste in der Bevölkerung. Er macht aber auch die Erfahrung, dass viele Ängste nicht rational sind und eher mit der Hautfarbe zu tun haben. Er empfiehlt, mit den Jugendlichen das Gespräch zu suchen und diese kennen zu lernen, was zweifellos ein Gewinn für beide Seiten sei.

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