Asbest unter den Teppich gekehrt

Bei der Sanierung des Spisermarkts wurden asbesthaltige Bauteile gefunden. Die Eigentümerin der Liegenschaft wusste schon vor dem Baustart um deren Vorkommen. Öffentlichkeit und Anwohner wurden darüber aber im Dunkeln gelassen.

David Gadze
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Ernst Michel Leiter Amt für Baubewilligungen der Stadt St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

Ernst Michel Leiter Amt für Baubewilligungen der Stadt St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

Seit Januar wird der Spisermarkt saniert und umgebaut. Das 1984 erstellte Gebäude ist eines der grössten Einkaufszentren in der Altstadt. Es soll im Dezember 2016 wiedereröffnet werden. Nun ist bekannt geworden, dass bei der Sanierung Asbest gefunden wurde – bei einem Gebäude aus dieser Zeit eigentlich nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist aber die Art, wie diese Tatsache im konkreten Fall kommuniziert beziehungsweise nicht kommuniziert wurde.

Ernst Michel Leiter Amt für Baubewilligungen der Stadt St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

Ernst Michel Leiter Amt für Baubewilligungen der Stadt St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

«Mondmännchen» begegnet

Er habe Teile seines Mobiliars holen wollen, nachdem die Arbeiten bereits begonnen hatten, sagt einer der ehemaligen Mieter, der ungenannt bleiben möchte. Im Innern sei er Männern in Ganzkörper-Schutzanzügen begegnet. Diese hätten ihn angewiesen, «sich zu beeilen». Auch der Inhaber eines Restaurants in unmittelbarer Nähe des Spisermarkts erzählt, er habe die «Mondmännchen» beobachtet – mit ungutem Gefühl.

André Häne, Geschäftsführer der St. Galler Niederlassung der Verwalterin Goldinger AG, verweist auf Anfrage auf die Liegenschaftsbesitzerin, die Schweizerische Unfallversicherung Suva. Diese bestätigt den Asbestfund: Im März hätten Arbeiter Bauteile freigelegt, bei denen Asbest enthalten war. Das Material sei von einer spezialisierten Firma fachgerecht zurückgebaut und entsorgt worden. «Wir wussten schon vor dem Umbau, dass wir festgebundenen Asbest finden würden», sagt Mediensprecher Takashi Sugimoto. Das habe eine vorgängig durchgeführte Untersuchung des Gebäudes ergeben. Diese mache man bei jeder Sanierung, um Überraschungen und somit auch Gefährdungen für Arbeiter und Umwelt zu verhindern.

Behörden waren informiert

Entsprechend habe die Suva auch die Stadt St. Gallen informiert, sagt Sugimoto. Am 7. Januar – wenige Tage vor Baubeginn – reichte sie bei Entsorgung St. Gallen ein Entsorgungskonzept ein. In diesem sind unter anderem asbesthaltige Wand- und Bodenbeläge sowie Dichtungen und Isolierungen von Leitungsrohren aufgeführt.

Dem Amt für Baubewilligungen war der Asbestfund dagegen nicht bekannt. Die Suva habe sich jedoch korrekt verhalten, sagt Amtsleiter Ernst Michel. Eine der Auflagen in der Baubewilligung vom 6. Januar 2014 sei gewesen, dass geklärt sein müsse, wie der Asbest bei einem allfälligen Fund entsorgt werde. Mit der entsprechenden Meldung ans Entsorgungsamt habe die Suva diese Auflage erfüllt.

Nur: Die Öffentlichkeit wurde über den Asbestfund nicht, die Mieter der Wohnungen über dem Einkaufszentrum wurden bestenfalls ungenügend informiert. Die Goldinger AG verschickt einmal monatlich einen Newsletter zum Baufortschritt an die Mieter. Im Schreiben vom 12. März liess sie diese wissen, dass die Suva «zur Sicherheit aller Mitarbeitenden auf der Baustelle und auch zum Schutz unserer Mieter» die Firma Ecosens damit beauftragt habe, «einen Gebäudecheck sämtlicher Objektteile über mögliche Vorkommen von asbesthaltigen Materialien durchzuführen». Für eine maximale Sicherheit während dieses Gebäudechecks sei der ordentliche Baubetrieb für gut eine Woche an den zu prüfenden Orten eingestellt oder seien die Arbeiten partiell reduziert worden. Und weiter: «Erfreulicherweise kann der Baubetrieb am gesamten Spisermarkt aufgrund der positiven Beurteilung wieder uneingeschränkt weitergeführt werden.»

«Es bestand keine Gefahr»

Davon, dass asbesthaltige Bauteile tatsächlich gefunden und entfernt wurden, steht im Schreiben kein Wort. Die Suva sieht darin kein Problem: «Für die Öffentlichkeit oder für die Mieter hat zu keinem Zeitpunkt eine Gefährdung bestanden», sagt Sugimoto. Während der Bauarbeiten durchgeführte Messungen in der Luft und am Boden der betroffenen Gebäudeteile hätten keine Spuren von Asbest ergeben.

Der Spisermarkt wird derzeit umgebaut und saniert. Das Einkaufszentrum soll im Dezember 2016 wiedereröffnet werden. (Bild: Ralph Ribi)

Der Spisermarkt wird derzeit umgebaut und saniert. Das Einkaufszentrum soll im Dezember 2016 wiedereröffnet werden. (Bild: Ralph Ribi)