Arzt und Patient als Partner

Das Modell «Gesundheitscoaching» hat sich in einem einjährigen Pilotversuch in zwanzig st. gallischen Arztpraxen bei über 1000 Patienten bewährt. Nun haben die Verantwortlichen und Beteiligten Bilanz gezogen.

Markus Löliger
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Die beiden Ärzte Ueli Grüninger (links) und Peter Wiedersheim sind die Väter des Gesundheitscoachings. (Bilder: Markus Löliger)

Die beiden Ärzte Ueli Grüninger (links) und Peter Wiedersheim sind die Väter des Gesundheitscoachings. (Bilder: Markus Löliger)

ST. GALLEN. Die Hausärzte sollen ihr Verhältnis zum Patienten neu definieren: Der Arzt wird zum Coach des Patienten, und dieser übernimmt die Hauptrolle, weil er sich und seinen Körper am besten kennt. Das vom Kollegium für Hausarztmedizin erarbeitete und gemeinsam mit der Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen lancierte Projekt geht davon aus, dass es jeder Mensch selber in der Hand hat, durch sein Verhalten seine Gesundheit massgeblich zu beeinflussen.

Gesundheitsrisiken abbauen

Das Projekt nutzt die bereits bestehende Partnerschaft und das Vertrauen zwischen Patient und Arzt, um die sechs wichtigsten gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen partnerschaftlich anzugehen. Ziel ist es, risikoreiches Verhalten von Patientinnen und Patienten bei Tabak- und Alkoholkonsum, Übergewicht und Bewegungsmangel, Ernährung und Stress zu erfassen. Der Hausarzt soll dann die Patienten sensibilisieren, motivieren und beraten– Basis ist ein individuell abgestimmtes und gemeinsam erarbeitetes Gesundheitskonzept. Ziel ist ein gesundheitsbewussteres Verhalten des Patienten aus eigenem Antrieb.

Die im Pilotprojekt engagierten Hausärztinnen und Hausärzte wurden speziell geschult und erhielten ein entsprechendes Instrumentarium mit Handlungsanleitungen. Mit dem Gesundheitscoaching soll die Gesundheitsförderung und Prävention in den Arztpraxen etabliert und eine entsprechende Beratungskultur gefördert werden. Zum Projekt gehört auch die Schaffung von günstigen strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen.

Das Projekt habe neue Wege beschritten, attestiert die St. Galler Regierungsrätin und Gesundheitschefin Heidi Hanselmann. Sie verweist darauf, dass in der Schweiz zwei von drei Erwerbstätigen über Stress oder Zeitdruck, vier von zehn über starke psychische und nervliche Anspannungen am Arbeitsplatz klagten. Es gehe aber nicht nur um individuelle Folgen, sondern auch um volkswirtschaftliche Auswirkungen: Allein Stress verursache in der Schweiz Kosten von vier Milliarden Franken pro Jahr.

Der Kanton St. Gallen unterstütze das Gesundheitscoaching aus Überzeugung und beteilige sich deshalb an der Finanzierung. Hausärztin Adelheid Hettich aus Ebnat-Kappel hat sich am Pilotversuch beteiligt. Sie begrüsst die Rollenänderung, die Arzt und Patient zu «gleichwertigen Partnern macht».

Verbesserungen erzielt

Der Patient übernehme Verantwortung für seine Gesundheit und entlaste damit die Ärztin oder den Arzt, sagt Adelheid Hettich. Eine gute Kommunikation sei entscheidend und trage zu gegenseitigem Verständnis und Respekt bei.

Erste Auswertungen zeigen, dass mit dem Gesundheitscoaching deutliche Verbesserungen erzielt werden. Von jenen, die ihr Gewicht reduzieren wollten, erreichten 34 Prozent ihr Ziel, 29 Prozent bewegen sich mehr, und immerhin 14 Prozent haben das Rauchen aufgegeben oder zumindest reduziert. Positiv ist auch die Reaktion der teilnehmenden Hausärztinnen und Hausärzte, die vor allem die Weiterbildung in Coaching und Gesprächsführung lobten. Das wundert Ueli Grüninger vom Kollegium für Hausarztmedizin nicht: «Gesundheitscoaching ist nicht eine neue Therapieform, sondern eine Grundhaltung mit der Ausrichtung auf die Gesundheit.»

Für Peter Wiedersheim, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen, ist Prävention der Schlüssel für eine Optimierung der Gesundheitskosten.