Archiv mit Jubilier-Service

Mörschwil kann dieses Jahr den 1200. Geburtstag feiern. Dank einer Urkunde im St. Galler Stiftsarchiv. In diesem aber sind vor dem Jahr 1000 noch gegen tausend weitere Ortschaften erstmals erwähnt. Das Archiv leistet «Jubilier-Service».

Josef Osterwalder
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Das Stiftsarchiv St. Gallen in einer Darstellung von 1737, entstanden also noch zur Klosterzeit. Das Bild wurde auf ein Pergament-Birett gemalt. (Bild: Stiftsarchiv St. Gallen)

Das Stiftsarchiv St. Gallen in einer Darstellung von 1737, entstanden also noch zur Klosterzeit. Das Bild wurde auf ein Pergament-Birett gemalt. (Bild: Stiftsarchiv St. Gallen)

Mörschwil. Dem Diakon Berwig sei Dank. Dieser hat am 16. Februar 811 eine Urkunde ausgestellt, in der das Dorf Mörschwil erwähnt wird. Darum konnte das Dorf exakt am 16. Februar dieses Jahres seinen 1200. Geburtstag feiern.

Die Urkunde wurde über alle Jahrhunderte hinweg im Stiftsarchiv St. Gallen aufbewahrt. Nicht einfach als nostalgisches Andenken. Für die Mönche waren solche Urkunden eigentliche Wertpapiere. Hier hatten sie einen juristisch unanfechtbaren Beleg, welche Güter ihnen gehörten und wie viel Eier, Bier, Gerste, Hühner sie von den Pächtern jedes Jahr erwarten durften. Weil es sich um ein juristisches Dokument handelt, wurde es genau datiert.

Urkunden als Datenschatz

Heute ist es mit diesem Klosterbesitz längst vorbei. Als juristische Beweisstücke haben die Dokumente ausgedient. Dafür haben sie nun eine neue Bedeutung bekommen. An ihnen kann man ablesen, wann sich der Name einer Ortschaft erstmals belegen lässt. Im St. Galler Stiftsarchiv lagert ein einzigartiger Schatz an solchen Urkunden. Annähernd tausend Weiler, Dörfer und Städte werden vor dem Jahr 1000 erstmals erwähnt. Und zwar betrifft dies nicht nur Güter in der unmittelbaren Umgebung, sondern in der ganzen Schweiz, in Deutschland, Österreich und Frankreich.

Archiv als Pilgerstätte

Immer wieder tauchen Delegationen von Dörfern und Städten in St. Gallen auf, um das Dokument zu sehen, auf dem ihr Name erstmals erwähnt wird. Und im Stiftsarchiv ist man überrascht, wie gut diese Delegationen jeweils Bescheid wissen. «Manchmal kennen sie den Text der Urkunde sogar auswendig», sagt Jakob Kuratli Hüeblin, Amtsleiter-Stellvertreter des Archivs.

Wie einzigartig der Urkundenbestand in St. Gallen ist, zeigt sich auch an der Faksimile-Edition der spätantiken und frühmittelalterlichen Urkunden Europas. Bei dieser Edition müssen ein Dutzend Bände für St. Galler Urkunden vorgesehen werden. Besorgt wird ihre Edition von Peter Erhart, dem Amtsleiter des Stiftsarchivs.

Im Archiv kann auch eine grosse Karte erworben werden, die die Ortsnamen enthält, die sich auf St. Galler Urkunden berufen können; sie umfasst ein Gebiet vom Elsass bis weit in das Allgäu hinein. Sie ist ebenfalls im Internet abrufbar (www.stiftsarchiv.sg.ch).

Erstnennungen aus der Region

Auf der Grafik dieser Seite sind die Ortschaften der nähern Region abgebildet, die ihre erste Nennung dem Stiftsarchiv verdanken. Wobei sich die frühesten Urkunden nicht genau datieren lassen. Dies trifft für Andwil zu, das in einer der ersten Urkunden aus der Frühzeit des Klosters erwähnt wird; ausgestellt wurde sie zwischen 721 und 736. Nicht genau lässt sich auch die Urkunde für Gossau datieren; die Forschung nimmt 823 oder 824 an. Gossau kann also in zwölf Jahren den 1200. Geburtstag feiern.

Teilweise erscheinen die Namen von Weilern früher als jene der Dörfer. Hohfirst datiert ins Jahr 818, das Dorf Waldkirch aber erst 879. Bei Roggwil setzt die Forschung hinter das Jahr 892 ein Fragezeichen. Dafür hat die Urkunde einen berühmten Schreiber: Notker.

Inhalt der Urkunden ist in der Regel eine «Schenkung» an das Kloster St. Gallen. Ein Grundherr unterstellt seinen Besitz dem Schutz des Klosters. Damit entzieht er den Hof den Machtgelüsten der Grafen. Unter dem Krummstab fühlten sich die Bauern sicherer. Als Gegenleistung verpflichteten sie sich zu Zinsen, meist in Form von Naturalien.

Hunger im Kloster

Fragt sich noch, warum die Mönche dies alles so akribisch notiert haben und die Urkunden in Fluchtkisten legten, um sie jederzeit in Sicherheit bringen zu können. Die Antwort dürfte in der Armut des Klosters liegen. Im Hochtal der Steinach warf die Landwirtschaft wenig ab. Die Mönche litten oft Hunger. Da war man auf die Abgaben der Bauern dringend angewiesen. Und eben auch auf die hieb- und stichfesten Dokumente.