Archäologische Ärgernisse

«Investoren drohen mit Rückzug», Tagblatt vom 17.9.2010 Verärgert seien sie, tun uns die Investoren der Schibenertor-Parkgarage kund. Der Ärger gilt der Kantonsarchäologie, die eine Flächengrabung im Bereich des geplanten Neubaus verlangt.

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«Investoren drohen mit Rückzug», Tagblatt vom 17.9.2010

Verärgert seien sie, tun uns die Investoren der Schibenertor-Parkgarage kund. Der Ärger gilt der Kantonsarchäologie, die eine Flächengrabung im Bereich des geplanten Neubaus verlangt. Das bringe unakzeptable Verzögerung und Mehrkosten, meint die City-Parking AG. Und sie droht mit dem Rückzug des Projekts.

Dabei liegt unter dem Marktplatz die grösste archäologische Zone innerhalb der Altstadt. Im Mittelalter verlief längs der südlich anstossenden Gebäude die älteste Stadtmauer. Davor lag der breite, ausgemauerte Stadtgraben, durchflossen vom Irabach. Im Graben entsorgten die Leute jahrhundertelang ihren Abraum. So entstand eine beachtliche, durch Sondierungen nachgewiesene Kulturschicht. Ihr Wachstum endete vor 1500, als man die St. Mangen-Vorstadt ummauerte und der Graben die Verteidigungsfunktion verlor.

Man füllte ihn auf und schuf damit Marktplatz und Bohl. Hier erstellte man öffentliche Einrichtungen: Brunnen, Kornhaus, Stadtmetzg, Zeughaus und Waaghaus. Erhalten blieb nur das letzte.

Erfahrungen in andern Städten und unlängst auch im Klosterviertel zeigen: Archäologische Schichten enthalten eine Vielzahl von Zeugnissen zur Baugeschichte und zum mittelalterlichen Leben der Stadt. Diese Informationen, nirgends sonst verfügbar, sind ein wichtiges öffentliches Gut.

Dessen Erhaltung ist eine gesetzliche Aufgabe. Der Parkgaragen-Neubau wird Teile davon zerstören. Für eine Stadt, die mit ihrem historisch-kulturellen Erbe wirbt, ist eine fachgerechte Dokumentation durch die Kantonsarchäologie unabdingbar. Unwissenheit beweist, wer glaubt, es genüge, wenn die Fachleute «begleitend» mit der Maurerkelle den Baggerschaufeln hinterher laufen.

Nach dem Verursacherprinzip müssten die Zerstörer die Folgen ihres Tuns tragen. Doch die City-Parking AG publiziert anmassend ihre Verärgerung und Drohungen. Mehr oder weniger offen schliesst sich die Stadt den Investoren an, entgegen dem vordringlichen gesetzlichen Auftrag. Das ist nicht neu. Die Baubehörden haben seit je kaum etwas zum Schutz des öffentlichen Erbes getan! Nach wie vor fehlt eine Stadtgeschichte aufgrund von boden- und bauarchäologischen Quellen.

Die Sorge um das historische Erbe darf jedoch nicht an den Grenzen des Stiftsbezirks enden – Kloster und Stadt bilden eine Einheit.

Seit mehr als fünf Jahrhunderten warten die archäologischen Kulturschichten auf ihre Erforschung. Sie täten es besser noch länger! Die City-Parking AG hinwiederum wird aus ihren Investitionen jahrzehntelang Profit ziehen. Demgegenüber dürften allfällige Verzögerungen und Mehrkosten wohl eine eher geringe Rolle spielen!

Markus Kaiser Kugelgasse 10, 9000 St. Gallen