Anstelle eines Power Naps

ST.GALLEN. Viele Veranstalter haben die Mittagspause entdeckt. Sie laden ein in Kirchen, Museen, Galerien und zu Führungen im Freien. Den meisten Anlässen gemeinsam ist: Sie haben beachtlichen Zulauf.

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Kirchenbänke besetzt bis ganz vorne: Mittagskonzert mit Daniel Pfister, Christian Bissig und Johanna Degen am Mittwoch in St. Laurenzen. (Bild: Coralie Wenger)

Kirchenbänke besetzt bis ganz vorne: Mittagskonzert mit Daniel Pfister, Christian Bissig und Johanna Degen am Mittwoch in St. Laurenzen. (Bild: Coralie Wenger)

Die ersten, die dem Mittagsschläfchen Konkurrenz machten, waren die Kirchen. Nicht einmal so erstaunlich. Denn Not macht erfinderisch. Sie hatten schon mit Popmusik und andern modernen Phänomenen versucht, die Menschen in der Kirche zu halten. Meditationen zur Mittagsstunde waren ein nächster Schritt. Nun sind weitere Institutionen auf den Geschmack gekommen – selbst in der angeblich zum Schnarchen neigenden Gallusstadt.

Kirche voller als am Sonntag

«Am Mittag sind viele Leute in der Stadt und möchten die Seele ein wenig baumeln lassen», sagt Pfarrer Hansruedi Felix, der vor fünf Jahren die Mittagskonzerte in der Laurenzenkirche initiierte. Die Anlässe am ersten und dritten Mittwoch im Monat waren so gut besucht, dass vor eineinhalb Jahren an den beiden andern Mittwoche auch die «Mittagsimpulse» eingeführt wurden: Schauspieler, die aus der Bibel lesen. 60 bis 300 Besucher erscheinen bei den Konzerten, zu den Lesungen 40 bis 80. Das sind mehr als zu manch einer Predigt an einem Sonntagvormittag.

Naturmuseum: Kleiner Rahmen

Toni Bürgin, Direktor des Naturmuseums, hat vor vier Jahren aus Anlass der Ausstellung «Winterspeck» erstmals zum «Mittagstreff» eingeladen, der jeweils am ersten Mittwoch eines Monats stattfindet. Bürgin unterhält sich jeweils mit einem Gast. Danach können Fragen gestellt werden. Beim Gespräch mit Roman Signer vor gut einer Woche musste bei 46 Besuchern in den Schulungsraum ausgewichen werden.

«Sonst sind wir gar nicht so erpicht auf ein grosses Publikum», sagt Toni Bürgin, «der Mittagstreff soll eher intim sein und sich so unterscheiden von den andern Anlässen.» Ein Dutzend bis 20 Personen erscheinen im Normalfall, fast die Hälfte ist Stammpublikum.

Bleibt das Problem des knurrenden Magens. Die Kunsthalle löst es auf ihre Weise: Bei jeder Ausstellung lädt sie nicht nur zu einer halbstündigen Mittagsführung ein, sondern serviert anschliessend auch ein dreigängiges Menu, zubereitet von einer Kuratorin oder einem Künstler. «Der Anlass mit 40 Personen zum Preis von 25 Franken ist jeweils im Nu ausverkauft», sagt Maren Brauner, Assistenzkuratorin in der Kunsthalle im Lagerhaus. Die Führung mit Essen findet jedoch, weil die personellen Mittel fehlen, nur vier- bis fünfmal im Jahr statt.

Zeit für eine Verpflegung

Da in der St. Laurenzen-Kirche und im Naturmuseum die Anlässe nicht mehr als eine halbe beziehungsweise dreiviertel Stunde beanspruchen, bleibt allerdings für die meisten Zeit für eine Verpflegung. «Wir würden auch niemanden wegweisen, der bei uns mal ein Sandwich isst», sagt Pfarrer Felix. Doch selbst dort, wo der Mittagsanlass Ansprüche stellt, sind die Besucher zahlreich: In der Offenen Kirche erscheinen jeden Dienstag 15 bis 25 Personen zur einstündigen Zenmeditation. Absolute Stille ist von den Teilnehmern verlangt. «Nur ab und zu dringt von draussen der Verkehrslärm vom Unteren Graben nach drinnen», sagt Thomas Joller, Projektleiter bei der Offenen Kirche.

Was lockt die Besucher an? «Die Leute wollen etwas für die Seele», sagt Hansruedi Felix. Bei den Konzerten reicht das Repertoire von Klassik über Jazz bis Ethno. Weniger gefragt seien Angebote, die den Intellekt ansprechen.

Vielleicht kommen noch Veranstalter anderer Sparten auf die Idee. Wie wär's zum Beispiel mit einer Kinovorführung zur Mittagspause mit einem circa 90minütigen Streifen? Problematischer wären Sportanlässe. Sollte zum Beispiel der lokale Fussballclub verlieren, könnte das die Arbeitsmoral am Nachmittag erheblich trüben. . . Fredi Kurth