ANSCHLAG: «Tat trifft Berliner mitten ins Herz»

Ein Terrorakt hat am Montagabend die deutsche Hauptstadt erschüttert. Die Rorschacher Tagblatt- Redaktorin Linda Müntener war zum Zeitpunkt des Anschlags in der Nähe und berichtet von ihren Erlebnissen.

Alexandra Pavlovic
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Mindestens zwölf Personen kommen am Montagabend ums Leben, als ein LKW in eine Menschenmenge am Weihnachtsmarkt fährt. (Bild: Maurizio Gambarini/DPA/KEY)

Mindestens zwölf Personen kommen am Montagabend ums Leben, als ein LKW in eine Menschenmenge am Weihnachtsmarkt fährt. (Bild: Maurizio Gambarini/DPA/KEY)

Alexandra Pavlovic

alexandra.pavlovic@tagblatt.ch

Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Anschlags?

Müntener: Ich sass mit rund 2500 Personen im ausverkauften Tempodrom an der Liveaufzeichnung von «Fest und Flauschig» der deutschen Satiriker Jan Böhmermann und Olli Schulz. Da die Sendung erst am Mittwoch ausgestrahlt werden sollte, waren Filmaufnahmen verboten. Die Handys mussten wir deshalb in der Tasche lassen. Ich hatte also keine Ahnung, was in einigen Kilometern Entfernung vor sich ging.

Wann haben Sie vom Terrorakt erfahren?

Erst als ich in einer extra einberufenen Pause auf mein Handy blickte. Ich hatte etliche Anrufe und Nachrichten wie «Bitte melde dich!» oder «Seid ihr in Sicherheit?» erhalten. Als ich dann erfahren habe, was passiert ist, war ich geschockt.

Wie erging es den restlichen Besuchern im Berliner Tempodrom?

Alle standen unter Schock. Verständlicherweise war die Stimmung danach im Keller. Viele hatten Angst, die Leute blickten sich fassungslos an und wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Die Tat hat die Berliner mitten ins Herz getroffen.

Was ist danach passiert? Der zweite Teil der Aufzeichnung wurde abgebrochen. Moderator Jan Böhmermann sprach zu uns und meinte, dass man nach so einer Tat nicht einfach weiter auf lustig machen könnte. Wir sollten in Ruhe nach Hause gehen, da sei es momentan am sichersten. Wir gingen dann zurück ins Hotel.

Gab es Probleme auf dem Weg dahin?

Nein, das nicht, aber ich hatte ein mulmiges Gefühl. Zum Glück war meine Unterkunft nur einige Gehminuten entfernt. Aber auch auf der kurzen Distanz verspürte ich ein Gefühl der Machtlosigkeit. Jeder Fussgänger und jedes Auto erschien mir suspekt.

Wie stand es um die Sicherheitsvorkehrungen vor Ort? Als wir den Tempodrom verliessen, spürte man nichts von verschärften Sicherheitsmassnahmen oder mehr Polizeipräsenz. Aber unser Hotel hatte die Drehtüre verriegelt, und wir mussten klingeln, damit uns jemand die Türe aufschloss.

Gestern sind Sie zurück in die Schweiz gereist. Wie geht es Ihnen?

Ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl und kann das Ganze noch nicht richtig fassen. Wenn ich daran denke, dass ich am Montagnachmittag noch völlig unbekümmert auf diesem Weihnachtsmarkt war, bin ich froh, heute wieder zu Hause zu sein. Ich hätte keinen weiteren Tag mehr in Berlin bleiben können. Auf den Strassen ist eine gewisse Angst und Verunsicherung spürbar. Und auch am Flughafen herrscht derzeit eine gereizte Stimmung.