Anrufen, quittieren, evakuieren

GOSSAU. Im Schulhaus Notker wurde gestern ein Brandfall simuliert. Seit 2011 erfolgt die Alarmierung in allen Schulen Gossaus einheitlich und via Handy. Einen Ernstfall musste das kostspielige und kontroverse System noch nie bestehen.

Tim Wirth
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Sieht nach einer Schulreise aus, ist aber die Erprobung eines Ernstfalles. Eine Klasse des Schulhauses Notker «flüchtet» in die Turnhalle Lindenberg. (Bild: Urs Bucher)

Sieht nach einer Schulreise aus, ist aber die Erprobung eines Ernstfalles. Eine Klasse des Schulhauses Notker «flüchtet» in die Turnhalle Lindenberg. (Bild: Urs Bucher)

Einige Minuten nach 9 Uhr wird die Ruhe auf dem Pausenplatz des Primarschulhauses Notker gestört. Dafür verantwortlich ist jedoch nicht die langersehnte grosse Pause.

150 Schulkinder strömen – Hand in Hand und von ihrer Lehrperson geführt – in Richtung Turnhalle Lindenberg. Dort stellen sich die acht Klassen an exakt bestimmten Positionen auf. Schulleiter Robert Züger gratuliert den Schülerinnen und Schülern: «So wie das Fussball- oder Trompetenspielen geübt werden muss, braucht es eben auch ein Alarmierungstraining.» Seit drei Jahren haben alle Gossauer Schulen ein einheitliches Alarmierungskonzept für den Fall eines Brandes oder einer Amokbedrohung. Zwischen Herbst und Winter wird in jeder Schule einmal der Ernstfall geübt.

Vom lauten zum stillen Alarm

«Bevor das Alarmierungskonzept eingeführt wurde, bestimmten wir jedes Jahr einige Schüler, die im Ernstfall alle Klassen informierten», sagt Robert Züger und schmunzelt. Akustische «laute» Alarme waren in den Gossauer Schulen gang und gäbe. Jede Schule regelte die Alarmierung individuell.

Mit der Eröffnung des Oberstufenzentrums Buechenwald wurde dieses System überarbeitet und überall durch einen einheitlichen, stillen Alarm ersetzt. Seit 2011 hat jede Lehrperson, die mehr als vier Lektionen unterrichtet, ein Arbeitshandy. In einer Notfallsituation wird die Sicherheitsfirma Certas AG angerufen. Daraufhin erhalten alle Lehrpersonen des jeweiligen Schulhauses sowie die Hauswarte und das Schulamt einen Anruf mit Anweisungen, den sie quittieren müssen.

Unsicherheiten gibt es immer

Um die Simulation möglichst realitätsgetreu zu gestalten, werden bei den Übungen nicht einmal die Lehrer informiert. «Es gibt immer wieder neue Tücken», sagt Urs Blaser, Schulpräsident der Stadt Gossau. So ist an diesem Tag die Türe der Turnhalle verschlossen, der Schulleiter visitiert gerade eine Lehrerin. Trotz dieser Umstände schaffen es alle Klassen, innert vier Minuten in der Turnhalle zu sein. «Es ist viel besser gelaufen als im vergangenen Jahr», sagt Blaser. Jeder Gossauer Schüler mache dieses Übungsprozedere in seiner Schullaufbahn mindestens achtmal mit und gewinne so an Routine. Trotzdem gibt es Unsicherheitsfaktoren. Hat eine Lehrperson das Handy beispielsweise ausgeschaltet, oder ist sie in einem Zimmer ohne Empfang, erfährt sie nichts von der drohenden Gefahr. «Wenn es nur schon eine Lehrperson hört, kommt die Evakuation ins Rollen», relativiert Blaser. Zudem gewinne man bei jeder Übung neue Erkenntnisse.

Die Akzeptanz vergrössern

Gut 40 000 Franken zahlt die Stadt Gossau jährlich für das Alarmierungskonzept. Die Kosten umfassen laut Blaser auch die Ausgaben für die Kommunikation. Es brauche kein Schultelefon, da alle Lehrer immer unter dem Arbeitshandy erreichbar seien. Wegen der Kosten und der vom Lehrerverein Gossau bezweifelten Notwendigkeit ist das System umstritten; 2012 wurde der Beitrag vom Parlament aus dem Budget gekippt. «Das Konzept wäre in so einem kleinen Schulhaus nicht nötig», sagt ein Lehrer der Primarschule Notker. Zudem sei es anfällig, wenn ein Handy keinen Akku mehr habe. Dass in Zeiten von gestrichenen Skilagern und zusammengelegten Klassen ein kostspieliges Alarmierungssystem, das in seltenen Ernstfällen gebraucht wird, sauer aufstösst, kann Blaser nachvollziehen. «Mit der jährlichen Simulation wollen wir die Akzeptanz vergrössern», sagt er.

Die Primarschüler kümmert das alles wenig. Sie geniessen die Action und freuen sich auf die Pausenmilch, die nach der Evakuation ausgeschenkt wird.

Urs Blaser (links) analysiert die Evakuierung mit Robert Züger. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Urs Blaser (links) analysiert die Evakuierung mit Robert Züger. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))