An die Maschinen, fertig, los

GOSSAU. Die Gemeindepräsidenten scheinen verwundert zu sein: Was haben Nähmaschinen und bunte Stoffe mit der Mitgliederversammlung der Region Appenzell AR-St.

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Drei Gemeindepräsidenten, eine Maschine. Von links: Robert Raths (Thal), Niklaus Hollenstein (Niederbüren) und Alex Brühwiler (Gossau). (Bild: Urs Bucher)

Drei Gemeindepräsidenten, eine Maschine. Von links: Robert Raths (Thal), Niklaus Hollenstein (Niederbüren) und Alex Brühwiler (Gossau). (Bild: Urs Bucher)

GOSSAU. Die Gemeindepräsidenten scheinen verwundert zu sein: Was haben Nähmaschinen und bunte Stoffe mit der Mitgliederversammlung der Region Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee zu tun? Und was machen die Leute mit dem Bernina-Schildchen auf der Brust hier im Gossauer «Freihof»? Nachzufragen, was es damit auf sich hat, getraut sich aber niemand.

«Ein Präsident kann alles»

Als St. Gallens Stadtpräsident Thomas Scheitlin dann mit einem verschmitzten Lächeln verkündet, dass die eingeladenen Näherinnen leider nicht kommen könnten und er deswegen Ersatz suche, wird schnell klar: Fingerhut auf und ran an die Nähmaschinen ist die Devise. Die Begeisterung der Politiker hält sich zunächst etwas in Grenzen. «Wenn ich das gewusst hätte», ertönt es aus der hintersten Reihe, «wäre ich zu Hause geblieben.» Es wird gelacht. Doch: Diesen Gedanken hegen wahrscheinlich auch noch andere. Ganz im stillen. Nützen tut das aber nichts. Scheitlin beruhigt: «Ein Gemeindepräsident kann schliesslich alles.» Auch für das überdimensionierte Picknick-Tuch der Bignik-Vision von Patrik und Frank Riklin nähen?

Zeit zum Diskutieren bleibt nicht. Schon heisst es: an die Maschinen, fertig, los. Einen Ausweg gibt es nicht. Wirklich nicht? Boris Tschirky, künftiger Gemeindepräsident von Gaiserwald, hält sich im Hintergrund. Und wartet bis alle Nähmaschinen besetzt sind. «Ich habe ja schon vor dem Rathaus genäht», entschuldigt er sich. Und lacht sein lautestes Lachen.

«Meine Frau glaubt das nicht»

Während andere sich noch überlegen, an welche Maschine – oder vielleicht auch ob überhaupt – sie sich setzen sollen, ist Waldkirchs Gemeindepräsident Franz Müller bereits dabei, zwei rote Tücher zusammenzustecken. Näht er auch zu Hause? «Nein, nein», antwortet er rasch. Seine Frau sei gelernte Schneiderin. Das Nähen überlasse er ihr. «Wir haben eine klare Aufgabenteilung. Das ist sehr wichtig», scherzt er. Auch bei Hans-Peter Eisenring, Gemeindepräsident von Häggenschwil, näht's wie geschmiert. «Meine Frau wird mir nicht glauben, dass ich heute genäht habe», sagt er sichtlich stolz. Macht's denn auch Spass? «Klar.» Eine Reihe weiter hinten haben Thomas Scheitlin und seine Ratskollegin Elisabeth Beéry sowie Gossaus Stadtpräsident Alex Brühwiler Platz genommen. Umgeben von Fotografen und Kamerateams nähen auch sie Stoffstücke zusammen. Auch das Schweizer Fernsehen will einen Blick auf die nähenden Politiker erhaschen. Verständlich, ist der Anblick doch eher ungewöhnlich. Daneben näht Fredi Widmer, Gemeindepräsident von Wittenbach. Ohne Gspänli. Er könne das auch alleine. «Bis die anderen wissen, was sie wollen, bin ich bereits fertig», ist er überzeugt.

«So tun als ob»

Fertig, das sind in diesem Moment Elisabeth Beéry und Robert Raths, Thaler Gemeindepräsident. Sie stehen auf den Stühlen und falten ihr Stück Stoff zusammen. Nach und nach tun es ihnen die anderen gleich. Zu schnell jedoch für das Fernsehteam von «Schweiz aktuell». Sie sollen sich wieder setzen und so tun, als würden sie nähen, sagt die SF-Redaktorin. «Im Fernsehen tun wir manchmal nur so, als ob wir etwas täten. Und es sieht trotzdem gut aus.» Ein Eingeständnis, das die Gemeindepräsidenten in ihrem Tun und Lassen nur beflügeln kann. Daniela Walter