Amok vor dem Lauf stoppen

ST.GALLEN. Das Attentat von Newton hat aufgeschreckt. Wären die städtischen Schulen auf einen Amoklauf vorbereitet? Der Kanton bietet einen konkreten Leitfaden. Nur scheint er wenig bekannt zu sein.

Fredi Kurth
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Im Dezember 2008, nach einer vermeintlichen Bedrohung, wurden Jugendliche der KV-Schule St. Gallen in die Kreuzbleiche-Halle evakuiert. (Archivbild: Ralph Ribi)

Im Dezember 2008, nach einer vermeintlichen Bedrohung, wurden Jugendliche der KV-Schule St. Gallen in die Kreuzbleiche-Halle evakuiert. (Archivbild: Ralph Ribi)

Bei der Suche nach Konzepten in der Stadt St.Gallen zur Verhinderung eines Schulattentats kommt die umfassendste Anleitung von überraschender Seite: Von der Prävention. Dabei sagt man, solche Fälle seien nicht zu verhindern, nicht vorhersehbar. Erst recht nicht, wenn jemand mit einer Waffe von ausserhalb in die Schule eindringt.

Täter verrät sich im voraus

Hermann Blöchlinger, Leiter des kantonalen Schulpsychologischen Dienstes, ist hier anderer Meinung und beruft sich auf verschiedene Daten und Erfahrungen der kantonalen Prävention: «Der mögliche Täter ist in der Regel bekannt», sagt er, «er hinterlässt Spuren und gibt Warnzeichen, meistens über Wochen, Monate, sogar Jahre, bis er das Attentat ausführt. Diese Auffälligkeiten können gedeutet werden.»

Wie das geschehen soll, darüber gibt eine 31 Seiten umfassende Broschüre unter dem Titel «Schulattentat. Zielgerichtete schwere Gewalt» Auskunft. Ausgangspunkt für einen späteren Amoklauf ist häufig die Familien- und Schulsituation: Eltern, Kinder, alle sind erfolgreich bis auf eines, das als schwarzes Schaf gilt. Das kann dazu führen, dass der betreffende Jugendliche das als grosse Schmach und ausweglose Situation empfindet, auch in der Schule. Sonst gibt es gemäss Broschüre kein bestimmtes Profil von Attentätern. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen und erbringen unterschiedliche Schulleistungen.

In einem Fragebogen können Anhaltspunkte angekreuzt werden, die für den Lehrer oder Psychologen den Verdacht erhärten oder mindern. Drohungen können auch indirekt erfolgen: «Wenn ich wollte, könnte ich jeden an dieser Schule töten.» Entlastend ist, wenn ein Schüler feste Beziehungen im Freundes-kreis hat oder bereit ist, innerste Gedanken zu äussern.

Die Polizei empfiehlt

Die Broschüre, die von jedermann heruntergeladen werden kann, enthält auch Präventiv-Empfehlungen der Kantonspolizei, unter anderem: Das Schulgelände soll einsehbar sein und keine Verstecke ermöglichen. Schulfremde Personen sollen von Lehrern oder Hauswart weggewiesen werden. Für den Notfall sind 20 Massnahmen aufgeführt. Zum Beispiel: Sich verbarrikadieren. Kein Dialog, auch wenn der Täter persönlich bekannt ist. Alle Handys einsammeln, damit das Netz nicht zusammenbricht.

Während anderswo bei der Frage nach Schutzmassnahmen die Behörden von «Top secret» sprechen, wird das Papier aus dem Kanton St. Gallen von der Erziehungsdirektorenkonferenz als «konkreter Leitfaden» empfohlen. Die «Zürichsee-Zeitung» titelte nun sogar: «Ein Frühwarnsystem, das funktioniert».

Stellt sich die Frage, inwieweit es bekannt ist. Vier massgebende Personen hatten bei der Recherche zu diesem Artikel die Broschüre nicht erwähnt. Vielleicht, weil sie erst seit diesem Sommer publik ist? Vielleicht weil niemand mit einem Amoklauf rechnet? Vielleicht weil drei Schulattentate pro Jahr in den USA nicht als bedrohlich erscheinen, obwohl in der Schweiz fast jeder Soldat sein Gewehr bei sich zu Hause hat?

Falsch zu sagen, es würde nichts unternommen. St. Gallen hat seit Jahren eine städtische Krisenintervention, welcher die Vormundschaftsbehörde, die Polizei und die Schulbehörde angehören. Letztes Jahr wurden zudem gemäss Auskunft von Schulamtsleiter Christian Crottogini gemeinsam mit der Polizei und dem städtischen Schulpsychologischen Dienst Bedrohungssituationen und Dispositive abgeglichen. Auch werde zurzeit geprüft, ob in einem Notfall Schüler und Lehrpersonen von ausserhalb des Schulhauses per Lautsprecher rasch informiert werden könnten.

Vier bis fünf Schüler pro Jahr

Falsch auch zu behaupten, St. Gallen sei heile Welt. 2008 wurden 1000 Personen aus der KV- Schule (Ausgabe 19.12.) evakuiert, auch wenn schliesslich keine Gefahr eines Amoklaufs bestand. 1999 wurde Lehrer Paul Spirig im Oberstufenschulhaus Engelwies von Ded Gecaj ermordet. Auch wenn jene Schreckenstat kein Amoklauf war, passt sie ins Kapitel Sicherheit an Schulen. Und jährlich hat der Schulpsychologische Dienst im Kanton mit vier bis fünf Schülern zu tun, die laut Blöchlinger ein Attentat verüben könnten, würde ihre Energie nicht rechtzeitig in andere Bahnen gelenkt.

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