Am Puls des Lebens

Erfolgreich im Beruf als Hebamme, offen für Begegnungen, grosszügig gegenüber Notleidenden, so haben viele Maria Breu kennengelernt. Sie starb Ende Juli im Alter von 81 Jahren.

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Maria Breu, 6. Februar 1931 – 27. Juli 2012. (Bild: pd)

Maria Breu, 6. Februar 1931 – 27. Juli 2012. (Bild: pd)

Hebamme, das war Maria Breus Wunschberuf. Aufgewachsen in Steinegg, Appenzell, absolvierte sie die Ausbildung zur Säuglingsschwester an der Pflegerinnenschule Birnbäumen, St. Gallen; zwei Jahre später erwarb sie das Diplom als Hebamme am Universitätsspital Zürich. Sie hat Hunderten von Kindern auf dem Weg in diese Welt geholfen und auch deren Mütter kompetent und einfühlsam betreut.

Wanderjahre in Südamerika

Nach ihrer Ausbildung erweiterte Maria Breu zunächst ihren Erfahrungsschatz. Zu den Wanderjahren gehörte ein einjähriger Aufenthalt in Südafrika, wo sie die Kinder einer Musikerfamilie betreute. Danach kehrte sie in die Heimat zurück und arbeitete zunächst am Kantonsspital St. Gallen, anschliessend an der Frauenklinik in Zürich. Besonders gerne erinnerte sie sich an die Jahre auf der Geburtsabteilung des Spitals Wattwil. Damals wohnten sie und viele ihrer Kolleginnen noch im «Schwesternhaus», was eine ganz eigene Verbundenheit schuf, beruflich und freundschaftlich. Pflegen hiess für sie auch, Beziehungen zu den verschiedensten Menschen zu knüpfen und aufrechtzuerhalten.

Leiten und pflegen

Nach der Zeit in Wattwil kehrte Maria Breu für drei Jahre an das Kantonsspital St. Gallen zurück. Dann nahm sie eine Anstellung im Kantonsspital Winterthur an, wo man ihr nach vier Jahren die Leitung der Gebärabteilung anvertraute. Sie war allerseits hoch- geschätzt – bei den Vorgesetzten, ihren Kolleginnen, Kollegen und bei den Gebärenden. Sie stellte das Wohlergehen «ihrer» Frauen stets in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Dies führte zuweilen zu Meinungsverschiedenheiten mit den Ärzten, die die Geburt oft als einen rein medizinisch-technischen Vorgang sehen.

Mit 57 entschloss sich Maria Breu, ihre Stelle nochmals zu wechseln. Denn noch lieber als leiten, wollte sie selber pflegen. So kehrte sie erneut an das Kantonsspital St. Gallen zurück, um dort jene Frauen zu betreuen, die eine Risikoschwangerschaft erlebten; eine Aufgabe, für die sie mit ihrem grossen Einfühlungsvermögen besonders geeignet war.

Mit Appenzell verbunden

Ihrer Heimat, dem Appenzellerland, fühlte sie sich ein Leben lang verbunden. Ihre Mutter hatte das Schlössli Steinegg geführt, einen Landgasthof, den Gäste – auch von weither – als Feriensitz wählten. Als Maria drei alt war, starb ihr Vater an einer Tuberkulose. Also musste die Mutter den Gasthof aus eigener Kraft weiterführen. Ihr fühlte sich Maria Breu emotional stets sehr verbunden. Gerne kehrte sie immer wieder ins Appenzellerland zurück, etwa wenn sie den Ausgleich zur Arbeit suchte, den sie im Sport und in der Natur fand. Hier konnte sie auftanken. Sie wanderte, stieg auf die Berge, besuchte aber auch regelmässig Konzerte und unternahm weite Reisen.

Selbst bestimmt

Verankert in der Religion, sah Maria Breu ihren Lebenssinn darin, Menschen zu helfen, durch Gespräche, Begleiten und materielle Hilfe. Ihr Leben gestaltete sie aber nach einem durchaus modernen Entwurf. Sie wollte ihr Leben selber bestimmen.

Das äusserte sich auch darin, dass sie nach einem leichten Hirnschlag vor etwas mehr als einem Jahr ihre eigene Wohnung nicht aufgeben wollte, sondern sich mit grosser Willensanstrengung zur Selbständigkeit zurückkämpfte. Am 27. Juli, einem sonnigen Sommernachmittag, erlitt sie einen Badeunfall. Trotzdem musste sie nicht allein sterben. Auf der Intensivstation durfte sie wenige Stunden danach im Beisein zweier Nichten ruhig einschlafen. (J. O.)