Alte Brillen für Paraguay

Die ehemalige «Schäfli»-Wirtin Vreny Bertschinger ist zurück von ihrem Aufenthalt in Paraguay – und will möglichst bald wieder die Koffer packen. Bis zu ihrer nächsten Reise sammelt die 60-Jährige nun fleissig Spendengelder. Und Brillen.

Lea Müller
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Vreny Bertschinger vor ihrem Haus in Thal. Vor wenigen Wochen schwitzte die ehemalige «Schäfli»-Wirtin noch bei 35 Grad Celsius in Paraguay. (Bild: Lea Müller)

Vreny Bertschinger vor ihrem Haus in Thal. Vor wenigen Wochen schwitzte die ehemalige «Schäfli»-Wirtin noch bei 35 Grad Celsius in Paraguay. (Bild: Lea Müller)

Thal. In der Stube von Vreny Bertschinger ist es wohlig warm. Trotzdem hat sie sich ihren rosaroten Rollkragenpullover bis zum Kinn hochgezogen. Lachend erklärt sie: «Vor drei Wochen schwitzte ich noch bei 35 Grad Celsius. Das scheint mir jetzt unwirklich.» Die ehemalige Wirtin des Restaurants Schäfli in Thal strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie von ihrer Zeit in Südamerika berichtet. «Die Menschen dort sind einfach toll. Ich habe schweren Herzens Abschied genommen.» Während zwei Monaten arbeitete die 60-Jährige für die Steyler Mission in einer christlich-landwirtschaftlichen Schule in der Nähe von Asunción, der Hauptstadt Paraguays. Bruder Thomas, der ebenfalls aus Thal stammt, leitet die Schule für rund 120 Jugendliche aus Indianerdörfern. In der Mission erhalten sie Schulunterricht und lernen, wie sie sich als eigenständige Landwirte selber versorgen können.

Bruder tanzt mit Medizinmann

Vreny Bertschingers Aufgabe war es, für die Brüder zu kochen, zu waschen und in der Schule einzuspringen, wo gerade eine helfende Hand fehlte. Dass sie für eine Mission arbeitete, stört die ehemalige Wirtin, die sich selbst als gläubige Christin bezeichnet, nicht im geringsten. «Mir hat imponiert, dass die Brüder niemanden in ihrem Glauben bekehren wollen. Die Hilfe zur Selbsthilfe steht für sie im Vordergrund», erklärt sie. Sie erinnert sich an ihre eigene Überraschung, als sich Bruder Thomas in einem Indianerdorf plötzlich seiner Socken entledigte und mit dem Medizinmann mittanzte. Handkehrum besuchen die Einheimischen laut Vreny Bertschinger aber auch die Kirche der Mission.

In den zwei Monaten hat die ehemalige Wirtin aus Thal viele Ecken von Paraguay gesehen. Von diesen Reisen bringt sie viele schöne Erinnerungen und lustige Anekdoten in die Schweiz zurück. Einmal unternahm sie mit dem 75jährigen Bruder Reinhold eine zwölfstündige Busfahrt in eine Nachbarstadt, um eine Schubkarre zu kaufen. Auf dem Rückweg mussten sie morgens um vier Uhr in der Hauptstadt einen Halt machen und die Schubkarre zu der nächsten Mission transportieren. «Natürlich nahm uns kein Taxi mit», erzählt Vreny Bertschinger lachend. So schoben sie die Schubkarre zwei Stunden lang durch die Strassen der Hauptstadt. «Wir müssen wirklich ein lustiges Bild abgegeben haben.»

Zeiten als Wirtin sind vorbei

Der Alltag in Paraguay war genau das, was Vreny Bertschinger gesucht hatte: «Ich wollte nicht als Touristin reisen, sondern das Land so kennenlernen, wie es ist.» Die weitgereiste Thalerin – sie war unter anderem schon in Mexiko, Indien, Neuseeland und Australien – fühlte sich bislang nirgends so wohl wie in Paraguay. «Ich könnte mir sogar vorstellen, meinen Ruhestand hier zu verbringen», sagt die 60-Jährige. Wann sie wieder dorthin reist, ist aber noch offen. «So schnell wie möglich.» In der Schweiz will sie in erster Linie Geld verdienen. Dass sie wieder als Wirtin arbeitet, kommt für sie aber nicht in Frage: «Diese Zeiten sind vorbei.»

Für jede Brille ein Untersuch

Die Schule in Paraguay sei angewiesen auf Spendengelder. Zum Beispiel müssten bald 40 Matratzen für neue Schüler gekauft werden. Deshalb sammelt Vreny Bertschinger Geld in ihrem Bekanntenkreis. Ausserdem ist sie auf der Suche nach alten Brillen. «Die Jugendlichen können sich keine Brille leisten.» Mit einem Augenarzt aus Paraguay traf die Thalerin eine Abmachung: Für jede gebrauchte Brille, die sie ihm schickt, kann sich ein Schüler gratis untersuchen lassen. Die Gläser der Brillen kann der Arzt dann selber schleifen und anpassen.

«Bis jetzt habe ich schon zwölf Brillen», sagt sie und zeigt erfreut auf die kleine Sammlung. Gleich daneben liegt ein Wörterbuch in Spanisch. «Ich lerne zurzeit fleissig Vokabeln», verrät Vreny Bertschinger. Wenn sie wieder nach Paraguay reist, will sie nämlich nicht mehr nur auf Hände und Füsse angewiesen sein, um sich mit den Einheimischen zu verständigen.

Wer eine Brille abgeben möchte, erreicht Vreny Bertschinger unter Telefon 071 888 07 06.

Ackerbau im Indianerdorf: Vreny Bertschinger packt mit an. (Bild: pd)

Ackerbau im Indianerdorf: Vreny Bertschinger packt mit an. (Bild: pd)

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